Kapitel 01 | Der Uhu

Die Nacht auf ihren elften Geburtstag verbrachte Sara Crowfield vor dem Fenster. Natürlich war es nicht der Geburtstag selbst, der sie vor Aufregung kaum schlafen ließ, schließlich war sie kein kleines Mädchen mehr. Nein, es war die Tatsache, dass es ihr elfter Geburtstag war und dass sie an diesem Tag einen ganz besonderen Brief erwartete. Seit sie einmal vom Baum gefallen und sanft gelandet war, war sie sich sicher, dass dieser Brief kommen musste.

So tat ihr Herz jedes Mal einen Sprung, als draußen vor dem Fenster eine Bewegung zu sehen war. Doch eine Eule war nicht darunter, zumindest keine mit einem Brief. Dafür hatte sie Gelegenheit, eine Fledermaus zu beobachten, die sich an um eine Straßenlaterne herumschwirrenden Insekten bediente. Auch wenn sie Fledermäuse wirklich mochte, taten ihr die kleinen Kerlchen leid, orientierungslos im hellen Licht gefangen und ohne Möglichkeit, dem flatternden Tod auszuweichen.

Ihre Schwester Tabitha hatte gelacht, als Sara ihr das einmal gesagt hatte. So lief es in der Natur, hatte sie gesagt. Und sie musste es wissen, schließlich streifte sie durch die Wälder Irlands, seit sie die Schule abgeschlossen hatte. Nur einmal war sie seitdem zu Besuch gewesen. Sara war ein bisschen traurig darüber, dass sie ihre Schwester nicht mehr so oft sah. Aber wenn sie selbst auf die Schule kam, wäre sie ohnehin weit weg in Schottland.

 

Sara musste bis zum Frühstück warten. Gerade, als sie in ihr Marmeladenbrötchen biss, kam ein großer, vornehm wirkender Uhu durchs offene Fenster geflogen. Beinahe hätte er die Kaffeekanne umgeworfen, als er auf dem Tisch landete. Dafür schien er sich aber überhaupt nicht zu interessieren, ließ nur einen Brief mitten auf Saras Teller fallen.

Sie erkannte ihren Namen in smaragdgrüner Schrift und hätte beinah das Brötchen fallen lassen. Hastig kramte sie in ihrer Tasche und holte ein paar Eulenkekse hervor, an denen der Uhu sich freudig bediente.

„Nimm dir gern auch etwas Wasser“, sagte sie und deutete auf eine Schale, die extra für die Posteulen auf dem Fensterbrett stand. Als der Uhu vom Tisch verschwunden war, riss Sara den Umschlag auf und nahm zwei Bögen Pergament heraus.

Die Einladung reichte sie sofort an ihre Mutter weiter, ganz bestimmt stand dort drinnen nur das, was auch in Tabithas gestanden hatte. Sara selbst interessierte sich viel mehr für die Liste der zu besorgenden Zutaten und Bücher.

„Ich hab doch gesagt, dass du dir keine Sorgen machen musst, Spatz“, sagte ihr Vater mit stolzem Lächeln und streichelte ihr über den Kopf. „Heute Nachmittag besorgen wir alles aus der Winkelgasse. Und weil dein Geburtstag ist, darfst du dir ein Haustier aussuchen.“

Sara fiel beinah vom Stuhl, als sie ihren Vater stürmisch umarmte. Sie war so froh, dass man Haustiere haben durfte. Hier hatte sie die Katze der Nachbarn, die sehr viel Zeit in ihrem Garten verbrachte. Es würde nur schwer werden, sich für eines unter denen auf der Liste zu entscheiden, am liebsten hätte sie eines von jedem gehabt.

Als sie die Bücherliste durchsah, vermisste sie allerdings etwas. „Ach, da ist ja auch Newt Scamanders Magische Tierwesen und wo sie zu finden sind“, bemerkte sie erleichtert. Sie würde kein neues Exemplar brauchen, lieber das ihrer Schwester benutzen, in dem viele nützliche Anmerkungen standen.

Ihre Mutter lächelte sie mitleidig an. „Ich fürchte allerdings, vorerst wirst du es nur für Verteidigung gegen die Dunklen Künste brauchen, mein Schatz. Pflege magischer Geschöpfe wird erst ab den dritten Schuljahr unterrichtet.“

Saras Kinnlade klappte herunter. Das war doch das Fach gewesen, auf das sie sich am meisten gefreut hatte. Tabitha hatte ihr das immer wieder gesagt, aber da hatte sie gedacht, dass sie sie nur hatte aufziehen wollen.

„Keine Sorge, Spatz.“ Ihr Vater nahm ihr die Liste aus der Hand und legte sie auf die Arbeitsplatte neben die Tür, damit sie gleich zur Hand lag, wenn sie nach London wollten. „Die zwei Jahre werden schneller vorbeigehen als du denkst.“

 

Sara nickte und sah dem Uhu nach, der wieder fort geflogen war, nachdem er sich aufwändig die Federn gerichtet hatte. Schon bald kam die Schleiereule ihrer Eltern herein, ließ die Post fallen und nahm auf Saras Schulter Platz. Sara reichte ihr einen Eulenkeks und streichelte ihr übers Gefieder.

Ihr Vater sah die Post durch. Darunter war auch eine leuchtend grüne Postkarte, die er Sara reichte, nachdem er sie gelesen hatte. Sie war von Tabitha und sehr eng beschrieben, weil sie viel über Leprechans zu berichten hatte. Außerdem schrieb sie, dass sie an Weihnachten nach hause kommen würde.

 

Saras Vater konnte nicht mit nach London kommen, gleich nach dem Frühstück hatte er nach Wales aufbrechen müssen. Natürlich hatte er ihr nicht gesagt, was los war, aber er war so aufgeregt gewesen, dass es sich um etwas Großes handeln musste, vielleicht sogar ein Drache.

Nun stand sie allein mit ihrer Mutter auf dem Pflaster und hielt sich an ihrem Umhang fest. Um sie herum herrschte dichtes Gedränge, viele Familien kauften nun Schulsachen ein. Ihre Mutter studierte die Liste und arbeitete sich im Kopf wahrscheinlich gerade eine ideale Route aus.

„Du gehst am besten zu Madam Malkin’s und lässt dir Umhänge schneidern. Hier, das sollte reichen.“ Damit drückte sie Sara ein paar Galleonen in die Hand. „Ich geh einen Kessel kaufen, in dem wir dann alles verstauen können.“

Sara nickte und suchte den Kesselladen, bevor sie sich selbst auf den Weg zur Schneiderei machte. Sie glaubte zwar nicht, dass sie als Erste fertig sein würde, aber es war besser, wenn sie wusste, wo ihre Mutter war.

 

Im Geschäft wurde sie von einer freundlich dreinblickenden Hexe begrüßt, die sie in den hinteren Bereich des Ladens begleitete und sie anwies, sich auf einen Hocker zu stellen. Kurz darauf schwebten Maßbänder um sie herum und taten ihre Arbeit.

„Kommst du auch nach Hogwarts?“, fragte eine Mädchenstimme und Sara zuckte vor Schreck leicht zusammen.

Erst jetzt bemerkte sie das Mädchen mit den blonden Locken, das auf einem anderen Hocker stand und ebenfalls ausgemessen wurde. Es hatte ein rundes Gesicht und lächelte sie an. Aber meinte es sie auch? Sicher, sonst war ja niemand hier.

„Äh, ja. Ich hab heute Geburtstag und den Brief bekommen. Ich bin Sara.“

„Herzlichen Glückwunsch!“ Das Mädchen wollte ihr eine Hand reichen, wurde aber von einer Geste eines Maßbandes unterbrochen. „Ich bin Margereth, aber alle nennen mich nur Maggie. Was denkst du, in welches Haus du kommst? Ich hoffe ja auf Ravenclaw, meine Geschwister waren auch da und sie haben mir schon ein paar Sachen beigebracht.“

Sara hob die Schultern. Darüber hatte sie sich wirklich noch überhaupt keine Gedanken gemacht. Sie wusste nicht, inwiefern das einen Unterschied machte, sicher würden alle Häuser in denselben Fächern unterrichtet werden. „Meine Eltern waren in Ravenclaw, aber meine Schwester in Slytherin und sie hat gesagt, dass ich bestimmt auch hinkomme.“

 

Madam Malkin kam mit einem Stapel Umhänge angewuselt, drückte ihn Maggie in die Hand und brachte gleich darauf Saras Sachen. Die beiden Mädchen bezahlten und gingen nach draußen. Saras Mutter war gerade im Gespräch mit einem Mann, der Maggie sehr ähnlich sah, er hatte dasselbe runde Gesicht und die blonden Locken.

„Das ist Mr Grey“, sagte ihre Mutter. „Er und seine Frau arbeiten mit deinem Vater zusammen im Ministerium. Er ist im Innendienst beschäftigt.“

Sara begrüßte ihn höflich und verabschiedete sich dann von Maggie. Mit ihrer Mum zusammen ging sie weiter die Straße entlang. „Hat er dir erzählt, was Dad zu tun hat?“, wollte sie wissen. Am liebsten hätte sie ihn das selbst gefragt, aber das wäre vielleicht unhöflich gewesen.

Ihre Mutter antwortete nicht gleich, und als sie es tat, sah sie Sara ernst an. „Es geht um einen jungen Grünling, der ein paar Schafe gerissen hat. Aber hab keine Angst, dein Dad ist nicht in Gefahr.“

Sara nickte. Ein bisschen Sorgen machte sie sich immer, aber er war ja nicht allein und kannte sich in seinem Beruf gut aus.

 

Zusammen betraten Sie den Laden für Zauberstäbe, der mit länglichen Schachteln vollgestellt war. Hinter dem Ladentisch stand ein älterer Herr mit einem freundlichen Lächeln. Das war Mr Ollivander, von dem sie schon viel gehört hatte.

Er erzählte davon, das Zauberstäbe sehr eigenwillig sein konnten. Währenddessen ließ er sie einen nach dem anderen ausprobieren und war lange nicht zufrieden. Er meinte, sie würde merken, wenn der richtige darunter war, aber bisher fühlte Sara sich eher unwohl. Nach einem halben Dutzend war dann aber einer dabei, der ein wohliges Kribbeln in ihrem Arm auslöste. Mr Ollivander erzählte ihr, dass er aus Weidenholz bestand und einen Kern aus Phönixfeder hatte. Der ihrer Mutter bestand ebenfalls aus Weidenholz, daran erinnerte er sich noch.

 

Sara ging allein ins Haustiergeschäft, während ihre Mutter Bücher kaufte. Es war dunkel, an den Wänden standen etliche Käfige mit Eulen und Ratten. Sara entschied sich aber für eine weiße Katze mit rötlichen Pfoten und rot geringeltem Schwanz. Einen Namen hatte sie sich schon seit dem Mittagessen überlegt, sie sollte Athene heißen.

 

Die restlichen Ferien verbrachte Sara zusammen mit Athene und den Büchern im Garten am Teich. Die Nachbarskatze kam nicht mehr vorbei, nachdem die beiden sich heftig geprügelt hatten. Der Lesestoff war sehr interessant, sie begann mit Eine Geschichte von Hogwarts, weil es vielleicht Bonuspunkte bei einigen Lehrern gab, wenn man über die Schule Bescheid wusste.

 

Am ersten September stand Sara zusammen mit ihren Eltern am Gleis 9¾. Das Gepäck hatte sie vorsorglich in ein freies Abteil gebracht, damit sie einen Platz hatte. Nun wurde sie von ihrer Mutter so fest umarmt, dass sie fast keine Luft bekam.

„Mach bloß keinen Unsinn, Spatz“, sagte ihr Vater mit gespielt ernstem Ton. „Pass im Unterricht immer schön auf.“

„Lass dich nicht ärgern.“ Ihre Mutter küsste sie auf den Scheitel. „Bitte schreib jede Woche einmal, sonst komm ich selbst vorbei und sehe nach dem Rechten.“ Sie drückte ihre Tochter noch etwas fester und Sara spürte, wie Tränen auf ihren Kopf tropften.

„Natürlich werd ich schreiben.“ Sie lächelte und löste sich von ihrer Mutter, nur um sofort von ihrem Vater umarmt zu werden. Freilich war sie auch traurig, sie würde ganz allein so weit weg von zuhause sein und bis Weihnachten niemanden sehen. Auf der anderen Seite war sie aber auch aufgeregt wie nie. Endlich würde sie das Schloss, von dem sie so viel gehört und gelesen hatte, mit eigenen Augen sehen.

Endlich pfiff der Schaffner. Sara ließ sich von ihren Eltern einen letzten Kuss auf die Wange drücken, nahm den Korb mit Athene und stieg in den Zug.

 

Als sie ins Abteil kam, stand dort jemand aus dem Fenster gelehnt und winkte. Sie stellte sich daneben und erkannte Maggie, die sie in der Schneiderei kennen gelernt hatte. Die beiden Mädchen winkten ihren Eltern zu, bis der Zug hinter einer Kurve verschwand.

„Ich hoffe, es stört dich nicht, dass ich hier bin“, sagte Maggie mit einem schüchternen Lächeln. „Ich hab nur einen Koffer gesehen und gedacht, dass es okay ist.“

Sara nickte nur und kramte ihren Umhang aus dem Koffer, um sich umzuziehen. Dabei stellte sie sich absichtlich vor Athene, die großes Interesse an dem Uhu zeigte, der neben Maggie auf der Bank im Käfig hockte. „Wie ist sein Name?“, wollte sie wissen.

„Balthasar“, antwortete Maggie undeutlich. Sie hatte eine Zeitung im Mund, während sie ebenfalls Sachen aus ihrem Koffer suchte. „Er hat meinen Eltern gehört, aber jetzt darf ich ihn haben.“

„Hallo, Balthasar.“ Sara beugte sich zu ihm runter und gab ihm einen Eulenkeks durch die Gitterstäbe. „Meine Katze heißt Athene.“

Maggie lächelte. „Das ist ein niedliches Kätzchen. Aber leider hab ich kein Leckerli für sie.“ Sie lachte und setzte sich, als sie fertig umgezogen war, blätterte in ihrem Tagespropheten. „Ich hab mal in die Bücher geschaut“, sagte sie nach einer Weile. „Verwandlung interessiert mich am meisten. Die Lehrerin ist ein Animagus. Ach, das würd ich auch so gern können.“ Verträumt faltete sie die Zeitung zusammen und schaute aus dem Fenster.

Sara nahm Athene aus dem Käfig und hielt sie fest, weil sie den Uhu noch immer anstarrte. Bald blieb sie aber selbstständig auf ihrem Schoß sitzen und schnurrte laut. „Das soll richtig kompliziert sein. Die Ausbildung dauert Jahre und das Ministerium muss das genehmigen. Ganz bestimmt braucht man richtig triftige Gründe. Ich hab ja Angst vor Kräuterkunde. Mit Pflanzen kann ich gar nicht.“

Sie unterhielten sich darüber, was sie alles von der Schule erwarteten. Hin und wieder erwähnte Maggie etwas, das in ihrem Tagespropheten stand, aber etwas wirklich Interessantes war nicht darunter. Irgendwann kam eine gedrungene Hexe den Gang entlang und bot Süßigkeiten an. Die Mädchen kauften von allem etwas und Sara freute sich besonders über den Kesselkuchen.

Maggie packte einen Schokofrosch aus, ließ ihn über ihren Arm hüpfen und steckte ihn sich schließlich ganz in den Mund. Erst dann sah sie sich die Karte an. „Schon wieder Agrippa“, stellte sie enttäuscht fest. „Und ich weiß auch nicht mal mehr wen, mit dem ich den tauschen kann.“

Im Geiste ging Sara ihre Sammlung durch und erkannte, dass ihr Agrippa noch fehlte. Schnell packte sie einen ihrer Frösche aus, biss ihm den Kopf ab und schaute auf die Karte, die gerade leer war. „Merlin“, sagte sie. „Wollen wir tauschen?“

Maggie beugte sich zu ihr vor und legte die Stirn in Falten. „Na, den kann ich wenigstens meiner Nachbarin schicken, die musste ihren ihrem kleinen Bruder schenken, weil der seine verloren hat. Da hat sie sich vielleicht aufgeregt, weil der so eine kleine Nervensäge ist …“ Sie gab Sara ihre Karte und steckte die von Merlin in ihre Manteltasche. „Wollen wir mal die Bohnen probieren?“

Sara willigte ein. Ihr Fehler war, dass sie mit zu guten Erwartungen an die erste Bohne heranging. Beim letzten Mal hatte sie nur Glück gehabt. Diesmal sah es anders aus, sie erwischte Käse – auch noch den von der stinkigen Sorte. Maggie amüsierte sich sehr über ihren Gesichtsausdruck, aber nur so lang, bis sie selbst eine nahm und es ihr ähnlich erging.

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