Abschied I | Stone Dead Forever

Stille herrschte über dem Geklapper des Bestecks und dem Knarren der Stühle. War sie auch nicht eisig, diese Art war vor sechs Jahren endgültig aus dem Haus verschwunden, so lastete sie doch schwer auf ihnen. Am schwersten auf Anders, es war ihm anzusehen. Er war es auch gewesen, der sie ins Esszimmer gebracht hatte. Mit gesenktem Blick saß er da und führte das Essen wie mechanisch zum Mund. Bat man ihn darum, etwas zu reichen, reagierte er, und doch war es, als umgäbe ihn eine unsichtbare Barriere und trennte ihn von der Welt.
Niemals hatte Bekka ihn so erlebt. Die bloße Möglichkeit, dass er durch irgendetwas in eine solche Verfassung geraten könne, hatte sie kategorisch abgelehnt, doch nun war es passiert. Sie verstand ihn völlig und er wusste das, doch wäre es ihr lieber gewesen, irgendetwas tun oder sagen zu können.
Anna gegenüber hatten sie kein Wort davon erwähnt, doch auch ihr entging offensichtlich nicht, dass etwas nicht stimmte. Nicht so unbeschwert wie sonst saß sie am Tisch und sagte kein Wort, mäkelte nicht einmal an irgendetwas herum, wo normalerweise keine Mahlzeit ohne Befindlichkeiten auskam. Nur warf sie hin und wieder verstohlene Blicke zu ihrem Vater, als hoffte sie, ihm etwas ansehen zu können.

Als er fertig war, lehnte er sich langsam zurück, als kostete es ihn Überwindung, und schaute Bekka zum ersten Mal seit Stunden in die Augen; eine stumme Bitte, gehen zu dürfen.
Sie lächelte schwach, um ihn zu entlassen.
Zwar erwiderte er es nicht, was sie momentan auch überhaupt nicht von ihm erwartete, doch sie sah die Dankbarkeit in seinem Blick. Für Dinge, die eigentlich ganz selbstverständlich waren. Heute musste sie ihm lassen. Was die nächsten Tage brachten, wie er damit umgehen würde, war eine völlig andere Sache.
Im Aufstehen streichelte er Anna über den Kopf und hielt Bekkas erhobene Hand, während er an ihr vorbei ging. Die Kleine sah ihm nach, auch als er schon im Flur verschwunden war und die Schlafzimmertür hinter sich geschlossen hatte. Die Gabel halb erhoben, machte sie ein besorgtes Gesicht, das Bekka für sich allein schon beinahe die Tränen in die Augen trieb.

Erst, als sie die durch Wände und Türen kaum gedämpfte Musik aus dem Schlafzimmer hörten, traute Anna sich, den letzten Bissen in den Mund zu schieben und sich hinüber zu ihrer Mutter zu lehnen.
„Ist Papa krank?“, fragte sie.
„Papa ist traurig“, antwortete Bekka. Zwei dieser drei Worte gehörten zu denen, die sie nie für etwas gehalten hatte, das sich mit Anders in Verbindung bringen ließ. Niemals würde sie das Bild vergessen, wenn sie es auch im halben Delirium erlebt hatte, wie stolz er damals dieses winzige Bündel Mensch im Arm gehalten hatte. Seitdem harmonierten die beiden wie selbstverständlich, und nicht selten erwischte Bekka ihn, wie er sich zu Dingen hinreißen lassen ließ, zu denen sie selbst ihn nie hätte bringen können.
Mit einem Blick, der in einigen Jahren eventuell seiner sein würde, blickte Anna an ihr vorbei zur Tür, als hätte sie dieselben Schwierigkeiten. „Mama, darf ich aufstehen?“
Im ersten Moment wunderte es Bekka, dass die Kleine nicht nach dem Grund fragte. Im zweiten war sie allerdings erleichtert darüber. Auch wenn sie sich in Erwartung eines Moments wie diesem einige Gedanken darüber gemacht hatte, wie man einem Kind diese Leere vermitteln sollte, die es auslöste, wenn jemand, den man stets für allgegenwärtig gehalten hatte, weg war, war sie nicht zu einem zufriedenstellenden Ergebnis gekommen. Irgendwann einmal würden sie es müssen, wenn jemand aus ihrem Umfeld starb, doch das würde hoffentlich nicht allzu bald der Fall sein.
Vielleicht spielte es für sie im Moment überhaupt keine Rolle, was das Problem war.
„Darfst du.“ Bekka strich ihr eine Strähne aus dem Gesicht und erhob sich ebenfalls, als die Kleine vom Stuhl rutschte und aus der Küche verschwand. Die Schrittchen verschwanden zuerst im Wohnzimmer, kamen dann zurück und für einen Augenblick wurde die Musik lauter, als sie ins Schlafzimmer schlüpfte.

Bekka ließ sich Zeit mit dem Abwasch, den sie zum ersten Mal in diesem Jahr erledigte, weil Anders ihn für gewöhnlich unaufgefordert übernahm. Anschließend kümmerte sie sich um Attila und Susi, die liebevoll an ihrem Finger knabberten, während sie die Wasserflasche nachfüllte.
Eine Weile stand sie noch nachdenklich an der Terrassentür. Das Stückchen des Gartens, das sie hinter ihrer eigenen Spiegelung ausmachen konnte, lag trostlos im bisher schneelosen Winter. Auf den umliegenden Grundstücken brannte noch die Festbeleuchtung. Die paar Lichterketten in den Büschen des Vorgartens, die sie Anders hatten aufschwatzen können, hatte Bekka im Laufe dieses Tages wieder abgenommen; unpassend, wie auch sie fand.
Tränen brannten ihr in den Augen, nachdem sie den ganzen Tag darauf gewartet hatte. Doch sie verebbten bald wieder, ohne Ausbruch.
Im ersten Moment war da nur große Fassungslosigkeit gewesen, die bald davon überlagert worden war, dass sie funktionieren musste. Auch wenn die Weihnachtsfeiertage hinter ihnen lagen und der Jahreswechsel nicht solchen Stress bedeuten würde, waren die Minuten, in denen sie allein mit ihren Gedanken war, glücklicherweise knapp bemessen.
Eine Ära war zu Ende gegangen.

Ganz leise schob sie die Schlafzimmertür auf, auch wenn sie sich die Mühe wegen der Lautstärke der Musik hätte sparen können. Immerhin hatte er leiser gedreht, als Anna hereingekommen war, doch an einem anderen Tag hätte es nach wie vor gereicht, um alles in Bekkas Innerem zu betäuben. Heute jedoch, als nichts Anderes ihr Wunsch war, bewirkte es das genaue Gegenteil. Sie sah sich wieder neben Anders auf einer matschigen Wiese umgeben von unzähligen Fremden, zur einzigen Gelegenheit, da das für sie beide akzeptabel war.
Tatsächlich lag Anders gerade quer über dem Bett, die Füße auf dem Boden und die Arme ausgebreitet, und starrte an die Decke. Anna, deren Imitation seiner Haltung an der Kürze ihrer Beine scheiterte, hatte den Kopf auf seinem Bauch gebettet und wippte ganz leicht mit den Füßen zur Musik.
Im Gehen streifte sie die Hausschuhe ab. Ob sie zuvor bemerkt worden war, konnte sie nicht sagen, doch jetzt musste es so sein. Dennoch reagierte Anders nicht, bis sie sich neben ihn legte und ihn sacht auf die Wange küsste. Mit dem Arm, auf dem sie lag, drückte er sie an sich.
Sie sah ihn mit hocherhobenen Armen vor sich, in jeder Hand ein Stück kartoniertes Papier haltend, ein siegesgewisses Grinsen im Gesicht, das sie im Halbdunkel regelrecht gegruselt und das sie danach nur noch ein einziges Mal an ihm gesehen hatte.
Damit die Tränen nicht doch wiederkamen, auf keinen Fall vor ihrer Tochter!, drückte sie das Gesicht in seine Halsbeuge und biss die Zähne zusammen. Unter den zusammengekrallten Fingern spürte sie den Aufdruck seines Shirts.
Die Stimme, die so unverwechselbar den Raum erfüllte und auf ewig all die Bilder vor ihr geistiges Auge bringen würde, gehörte jemandem, der nicht mehr existierte.
Es würde nie mehr dasselbe sein.