Abschied II | Always

Als Anders an jenem Januarnachmittag vom Unterricht kam, traf ihn ein Schneeball knapp unter dem Knie, kaum dass er den Vorgarten betreten hatte. Verräterisches Kichern tönte aus einem Busch an der Hauswand. Zusammengekauert hockte Leonie im Schnee, zwischen den kahlen Ästen problemlos zu erkennen, und verbarg das Gesicht hinter den Händen, als würde sie dadurch ebenso unsichtbar für die Welt wie umgekehrt.

So verharrte sie, auch als er sich vor ihr aufbaute und damit den Fluchtweg abschnitt.

Lenny, was hatten wir über ballistische Experimente mit kristallinem H2O gesagt?“

Hinter ihren Fingern hervor blinzelte sie ihn an. „Du kannst mich gar nicht sehen, ich hab einen unsichtbarmachenden Unsichtbarkeitsmantel, der unsichtbar macht“, protestierte sie.

Anders ging gar nicht erst darauf ein, sondern deutete nur auf den Schnee zu ihren Füßen.

Sie senkte den Blick, verstand und erhob sich betont langsam. „Nicht ohne Absprache“, seufzte sie und antwortete damit endlich auf seine Frage. „Aber du hättest ja auch ein Einbrecher sein können. Oder ein Monster! Und ich muss doch auf Mama aufpassen!“ Auffordernd streckte sie die Arme nach ihm aus. Sie trug weder Handschuhe noch Mütze oder Schal. Das konnte nichts Gutes heißen. Normalerweise achtete Bekka darauf.

Ist das so?“ Er hob sie hoch und bereute es, als sie ihre kalten Jackenärmel um seinen Hals schlang und die kalte Nase an seine Wange drückte. Doch diese Kälte kam nicht gegen die Wärme an, die sich in seinem Inneren ausbreitete.

Isso!“, antwortete sie, doch statt des üblichen Grinsens mit einem besorgten Ausdruck im Gesicht. „Mama hat sich eine Kissenburg auf dem Sofa gebaut und ist ganz schlimm traurig.“

Er hatte es befürchtet. In der Praxis lief den ganzen Tag über das Radio, wie hätte sie die Meldung verpassen können?

Dann werd’ ich mal nach ihr sehen. Und du ziehst dir trockene Sachen an, dann mach’ ich dir einen Kakao.“ Er setzte sie im Flur ab und ließ sich mit dem Ausziehen einen Moment länger Zeit als gewöhnlich. Im Wohnzimmer hörte er die Vögel kreischen, die ihn bemerkt hatten. Doch es rührte sich nichts bis auf Leonie, die nach oben in ihr Zimmer rannte, kaum dass sie Mantel und Stiefel losgeworden war.

Bekka saß eingehüllt in eine schwarze Fleecedecke zwischen den aufgestapelten Sofakissen und sah ihn an. Sie lächelte nicht. Bekkas Lächeln war so allgegenwärtig, dass es zu den kleinen Selbstverständlichkeiten gehörte, von denen die Welt in ihren Fugen gehalten wurde. Und nun kauerte sie hier als das Häufchen Elend, als das er sich noch drei Wochen zuvor gefühlt hatte.

Das machte mit ihm, dass er sich nicht wie üblich erst mit den Sittichen befasste, sondern direkt zum Sofa ging und ihre Hände nahm. Sie zeigte keine Anzeichen von vergangenen oder herannahenden Tränen, nur von tiefer Fassungslosigkeit. Das nahm ihm jeden Funken Hoffnung darauf, dass es sich diesmal ebenso schnell verflüchtigte wie nach einem Essen mit ihrer Familie. Dies hier war ein ganz anderes Kaliber. Er wusste, welche Dinge sie noch vorgehabt hatte, die sich nun nicht mehr erfüllen ließen.

Wie viele?“, stellte er die einzig wichtige Frage und streichelte über ihre Finger, die kraftlos in seinen lagen.

Alle“, gab sie die Antwort, die er erwartet hatte. Zwar hatten sie niemals darüber gesprochen, was in einem Fall wie diesem zu tun war, doch er wusste es genau.

Nur widerwillig ließ er sie los und schaltete Fernseher und DVD-Player ein. Bekka zog sich wieder tiefer in ihre Kissenburg zurück, während er das Wohnzimmer verließ, um Tee zu machen.

Die Titelmelodie aus dem Menübildschirm hatte Leonie nach unten gelockt. Jeans und Pullover hatte sie gegen ein Wollkleid und Strumpfhosen mit Zopfmuster ausgetauscht. Auf Zehenspitzen stand sie neben ihm und löffelte Kakao in ihren Becher, während er ein Teeei füllte.

Darf ich mitschauen?“ Vorsichtig stellte sie die Tasse in die Mikrowelle und lauerte davor wie eine Schlange vor einem Kaninchen.

Wir schauen auf Englisch.“ Davon ging er zumindest aus. Wenn es nicht extra für Leonie war, zogen sie den Originalton vor. Heute war er mit Sicherheit die einzige Option.

Leonie schaute ihn an, als wäre ihm etwas Wichtiges entgangen. „Aber ich kann die doch auswendig. Biiiiiitte. Ich hab meine Hausaufgaben schon gemacht und bin ganz leise. Nur einen. Bitte.“ Sie wusste, dass sie bereits gewonnen hatte.

Wenn Bekka nichts dagegen hat.“ Kaum hatte er den Satz beendet, war sie schon ins Wohnzimmer verschwunden. Normalerweise war diese Absegnung nur eine Formsache, die wichtigen Dinge sahen sie so ähnlich, dass es da kaum gegensätzliche Meinungen gab. In diesem Fall war er allerdings nicht sicher. Ohne etwas aktiv dafür zu tun, brachte Leonie durch ihre bloße Anwesenheit ein wenig Licht in jede verzweifelte Situation. Er hatte es selbst gemerkt, als sie im Dezember zusammen mit der Sockenschlange ins Schlafzimmer geschlichen war. Andererseits wusste er nicht, ob Bekka wollte, dass die Kleine sie so sah. Den Film über würde es nicht besser werden, konnte er sich vorstellen.

Leonie saß eingehüllt in die herunterhängenden Deckenseiten auf dem Teppich vor dem Sofa und wiegte sich mit der noch immer spielenden Titelmusik. Bekka riss die Kissenwand links von sich ein und schlug die Decke zurück, um ihm Platz zu machen. Kaum hatte er das Tablett mit den Tassen abgestellt und sich zu ihr gesetzt, zog sie ihn an sich und deckte sie beide bis zum Kinn zu. Er spürte sie zittern und legte einen Arm um sie. Spätestens im zweiten Teil würden die Tränen kommen.

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