Adventssonntag

Arno hatte seine liebe Mühe damit, Mariam festzuhalten, deren Hand locker in seiner lag. Für sie war es einfach, sich einen Weg zwischen den Menschenmassen zu bahnen, die sich auf dem Domplatz drängten. Doch er musste zusätzlich auf Tina achten, die sich an seinem Jackenärmel festhielt und nicht nur einmal darum bat, an einem bestimmten Stand anzuhalten, um sich umzuschauen. Bis Mariam darauf Rücksicht nahm, würde wohl noch eine Weile vergehen, denn sie war, wie Arno wusste, nicht ohne Hintergedanken gerade heute hierher gekommen.

Sie war entsprechend wenig begeistert gewesen, dass Tina mitgekommen war, doch Arno hatte sich kurzerhand dafür entschieden, mit ihr zu fahren oder überhaupt nicht. So schlimm fand sie es dann also doch nicht.

Der alljährliche Besuch auf dem Erfurter Weihnachtsmarkt war, obwohl oder gerade weil es immer dasselbe war, schon vor ihrer Geburt Tradition gewesen. Früher hatte sie jedes einzelne Fahrgeschäft mitnehmen wollen, mit ihm zusammen, während Lena stets am Rand gestanden und ihnen gewunken hatte. Im Laufe der Jahre war ihr die Lust daran vergangen und sie begeisterte sich immer mehr für die bloße Atmosphäre, die Gerüche von Esskastanien, Waffeln und Glühwein.

Nach wie vor Tradition war der Verzehr einer Bratwurst am immergleichen Stand an der immergleichen Stelle. Und war nicht nur Mariam daran gelegen, das einzuhalten, sondern auch ihrer Mutter. Er entdeckte sie sofort an einem der Stehtische, ein Brötchen in der Hand und eine dampfende Tasse vor sich. Bei ihr am Tisch stand ihr Mann Theo.

Sein Anblick versetzte Mariams Laune offenbar einen Dämpfer, denn plötzlich wurde sie langsamer und hielt Arnos Hand fester. Er hörte sie leise murmeln, gab sich aber keine Mühe, sie verstehen zu wollen. Doch vollständig von ihren Plänen abhalten konnte sie das wohl nicht, weiterhin hielt sie zielsicher auf die beiden zu. Ob sie wusste, dass er sie schon entdeckt hatte, oder glaubte sie, sie würde ihn damit überraschen?

Was versprach sie sich überhaupt davon? Er konnte sich nicht vorstellen, dass sie immer noch versuchte, ihn und Lena wieder zusammenzubringen. Mittlerweile waren sie beide wieder in festen Händen, Tina wohnte seit März bei ihm und eigentlich hatte er dein Eindruck gehabt, seine Tochter habe sich damit abgefunden. Eine Woche, die sie bei ihm hätte verbringen können, hatte sie trotzig sausen lassen, im nächsten Monat war sie wieder gekommen.

Die Mengen lichteten sich, als der Abstand zwischen den Ständen am dem Dom gegenüberliegenden Ende des Platzes größer wurden, und Arno legte den freien Arm um Tinas Hüfte, die sich fröstelnd an ihn schmiegte. Hier lag zwar ein Schnee, das Erfurter Becken lag kaum höher als zweihundert Meter, trotzdem war es kalt, der Atem der Leute bildete Dampfwölkchen und das Pflaster war rutschig.

Auf den letzten Metern ließ er Mariam los.

Mama!“, rief sie und riss die Arme hoch. Ein paar Leute schauten sich nach ihr um, senkten die Blicke aber bald wieder. „Huhu!“

Im ersten Moment schien Lena irritiert, unsicher, ob sie gemeint war, doch sie hatte die Stimme ihrer Tochter natürlich erkannt und ihr Gesicht hellte sich auf, als sie Mariam entdeckte. Sie winkte ebenfalls, legte ihr Brötchen auf den Tisch und ging darum herum, schloss ihre Tochter in die Arme.

Theo blieb stehen, lächelte jedoch. Er nickte Arno und Tina zu.

Als Lena ihn sah, begriff sie natürlich sofort. Sie warf Mariam einen tadelnden Blick zu, bevor sie Arno in den Arm nahm. „Wie schön, euch hier zu treffen“, lachte sie und umarmte auch Tina.

Zufälle passieren.“ Arno grinste über seine Frau hinweg seine Tochter an, die sichtlich angefressen am Tisch stand und gerade von dem Brötchen ihrer Mutter abbiss. „Eigentlich sind wir ja hier, um die letzten Weihnachtseinkäufe zu erledigen.“

Wir auch.“ Lena nahm Mariam das Brötchen aus der Hand, ohne einen Kommentar zum dem großen Stück zu geben, das fehlte. „Wie wäre es, wenn Mari mit uns kommt und wir uns dann in einer Stunde wieder hier treffen?“

Dagegen hatte Arno nichts einzuwenden, er schaute seine Tochter fragend an. Die Entscheidung lang ganz bei ihr.

Offenbar fiel sie ihr nicht leicht, ihr Blick schweifte zwischen Lena und ihm hin und her, streifte Tina flüchtig, kam nicht einmal in Theos Nähe. „Aber ja, warum nicht“, sagte sie schließlich und lächelte. „Dafür bleib ich dann eben bis zum ersten Weihnachtstag bei Papa.“

Tina schob ihre eisig kalte Hand in seine Jackentasche, als sie sich vom Menschenstrom durch die Reihen der Buden treiben ließen. In Lenas Anwesenheit hielt sie, vielleicht bewusst, vielleicht unbewusst, immer einen gewissen Abstand, von dem Arno sich nicht einmal sicher war, ob er von den Leuten bemerkt wurde.

Wir brauchen noch Kugeln“, stellte sie fest, als sie sich ganz zufällig auf der Höhe eines Glasbläserstands befanden. An dünnen, kaum sichtbaren Fäden drehten sich halbtransparente, kunstvoll mit Mustern oder ganzen Winterszenen verzierte Glaskugeln in den verschiedensten Farben. Tina zog ihn sanft näher heran und beugte sich über die Auslage, zog sich die Mütze vom Kopf, damit sie nicht fiel. „Irgendwelche Vorlieben“, fragte sie.

Er hatte keine. Für die Dekoration zu jeglichem Fest oder Feiertag war ihm nur wichtig, dass irgendetwas da war, den Rest überließ er lieber denen, die sich besser auskannten. Tina hatte ihre helle Freude daran, vor jedem größeren Abendessen brütete sie eine ganze Weile über der passenden Tischdeko.

Lieber etwas ungewöhnlich?“, schlug er vor.

Sie drehte sich halb um und grinste. „Pink mit Glitzer?“, fragte sie frech und lachte über seinen Blick. Er musst ebenfalls lachen, als er sich vorstellte, wie Mariam ins Wohnzimmer kam und einen pink geschmückten Baum entdeckte.

Vielleicht nicht pink.“ Er tippte auf das Plastikfenster einer Schachtel. „Silber und Schwarz, was hältst du davon?“

Ausgezeichnet, das wollte ich schon immer mal haben.“ Sie küsste ihn auf die Wange und winkte dann den Verkäufer heran, der mit einer Tasse dampfenden Tees hinten in der Bude saß. Den ganzen Tag hier in der Kälte zu sitzen, war kein Job, um den man zu beneiden war.

Tina hatte darauf bestanden, die gesamte Dekoration anzupassen, damit der Kontrast nicht zu stark war. Eine Viertelstunde später trugen sie also beide Tüten mit Kerzen, Fenstersternen und Tischläufern. Bisher hatten sie sich erfolgreich von den Wegen ferngehalten, wo die Fahrgeschäfte und Losbuden aufgebaut waren, auf dem kleinen Domplatz waren die Hupen, Schreie und – am schlimmsten – die Schlager überall allzu deutlich zu hören.

Lass uns Enten angeln“, schlug Tina vor. „Du eine Runde und ich eine Runde und was wir gewinnen, schenken wir uns einfach zu Weihnachten.“

Sie hatten gar nicht erst ausgemacht, sich nichts zu schenken, dazu schenkte Tina zu gern und dazu hatte er es zu gern, wie sie sich über irgendwelche Kleinigkeiten freute. Wird spontan entschieden, hatten sie sich also festgelegt und dies hier schien der Moment zu sein. Er musterte die ausgestellten Preise. Unter viel Kleinkram und Überflüssigkeiten waren dort wirklich nette Stücke, freilich vor allem Plüschtiere. Er bemerkte sofort, dass sie auf eines ein Auge geworfen hatte.

Es war ein ausgesprochen seltsames Gefühl, mit einer magnetischen Angel zwischen lauter Kindern und Eltern von kleinen Kindern zu stehen und zu versuchen, Gummienten zu angeln. Die beinahe kindliche Freude in Tinas Gesicht war ihm dafür jedoch Ausgleich genug.

Er hatte wesentlich mehr Glück als sie und am Ende genug Punkte für eine riesige, kulleräugige Plüschschildkröte zusammen, die Tina glücklich in die Arme schloss und hinter der sie fast verschwand. Dafür verzichtete sie sogar auf gebrannte Mandeln, als er sich eine Tüte kaufte. Sie schielte nur so lang zu ihm hin, bis er ihr welche abgab.

Was sie ihm ausgesucht hatte, hatte er gar nicht richtig erkannt, sie mochte diese Art der Geheimniskrämerei. Wahrscheinlich sollte er sich einfach überraschen lassen.