Kapitel 01 – Urban Legend

Mr Harrington schaffte es ohne Mühe, die Klasse ruhig zu halten. Dazu trugen freilich sein Humor und seine Freundlichkeit bei, die er ausnahmslos jedem gegenüber an den Tag legte, ob Kollegen oder unmotivierten Schülern. Doch sein größter Vorteil allen anderen Englischlehrern der Schule gegenüber war, dass er einwandfreies Englisch sprach. Das war nur natürlich, schließlich kam er aus Berwick-upon-Tweed und verbrachte nur ein Jahr in Deutschland und damit hier an der Schule.
»Urban Legends«, sagte er und lehnte sich gegen das Lehrerpult. »Kennt ihr Beispiele?« Das war auch etwas, das die Schüler sehr an ihm schätzten: Er wich hin und wieder vom Lehrplan ab, um andere interessante Themen zu besprechen. Außerdem war die Umgangssprache in jeder zweiten Stunde Deutsch, weil er sich darin verbessern wollte.
Fast alle Schüler hoben den Arm. Emma nicht, weil die sich niemals meldete, auch wenn sie meistens die richtige Antwort kannte. Und Markus nicht, aus Prinzip nicht. Mina verstand ihn nicht, aber das ging vielen in vielen Belangen so. Die beiden waren sehr ruhig, aber auf völlig andere Weise.
»Mina.« Mr Harrington deutete mit der Kreide in der Hand lächelnd auf sie.
»Bloody Mary«, antwortete sie und gut die Hälfte ihrer Klassenkameraden senkte die Arme wieder. »Man stellt sich nachts mit einer Kerze vor den Spiegel und sagt dreimal Bloody Mary und dann soll sie erscheinen«, erklärte sie auf Mr Harringtons auffordernden Blick hin.
»Je ausprobiert?«, fragte er mit einem Lächeln und wandte sich mit seiner Frage an die Anderen, als Mina den Kopf schüttelte. Sie glaubte nicht an diese Art Horrorgeschichten, dann doch eher an Außerirdische.
»Tatsächlich«, sagte Mariam und Mina schaute sie ungläubig an. Mariam? Von der hatte sie solche Albernheiten nicht erwartet, aber selbst sie wusste wohl nicht alles von ihrer Freundin.
Mariam musste ihr diese Gedanken ansehen, denn sie lächelte und rückte sich die Brille zurecht. »Ich war zwölf«, verteidigte sie sich, »und ich stand auf diese Horrorgeschichten, also hab ich meine Gelegenheit genutzt, als Mama Spätschicht hatte, und hab es mal versucht.«
»Und?«, fragte Frederike. »Hat es funktioniert?«
»Offensichtlich«, erwiderte Mariam. »Wie du deutlich sehen kannst, hat sie mir beide Augen ausgekratzt und ich hab mir auf meine Brillengläser neue gemalt.«
Selbstverständlich sprang Frederike nicht darauf an, sie winkte nur ab und stützte den Kopf auf eine Hand. Allerdings sah Mina, dass Emma das Gesicht hinter ihrem Ärmel verbarg und aus dem Fenster sah.
»Bloody Mary ist wohl eine der bekanntesten Urban Legends«, sagte Mr Harrington, von alldem ungerührt, und schrieb es an die Tafel. »Andere Beispiele?«
»Der Midnight Channel«, rief Hannes, ohne sich zu melden und man sah, wie schwer er sich das Lachen verkneifen musste.
Mr Harrington blickte ihn irritiert an.
»Das ist eine Urban Legend«, klärte Leon ihn ebenfalls grinsend auf. »Allerdings aus einem japanischen Rollenspiel.«
Mr Harrington warf Hannes einen gespielt tadelnden Blick zu. »Sehr schön, aber hast du vielleicht auch eine ernstgemeinte Antwort für mich?«
»Die Alligatoren in der Kanalisation«, sagte Hannes. »Obwohl jeder weiß, dass da unten nur mutierte Ninjaschildkröten wohnen.« Das sah ihm natürlich ähnlich, keinen Tag lang kam er ohne solche Sprüche aus. Und doch gehörte Mina zu denen, die darüber kicherten.
Mr Harrington schrieb auch das an die Tafel und deutete mit der Kreide auf Hannes. »Sehr gut, das Thema Cartoons merke ich mir vor. Weiter?«

  Die Tafel füllte sich mit Legenden und Mr Harrington teilte sie für kleine Referate zu je einer Legende an der Tafel zu, Mina und Mariam entschieden sich für Bloody Mary und es hatte auch niemand Einwände dagegen.
»Wonderful«, rief Mr Harrington und klatschte in die Hände. »Dann beginnen wir nächste Woche damit, die Recherche sollte dank des Internets ja kein Problem darstellen. Und bevor wir die Stunde beenden, habe ich euch noch eine kleine Urban Legend für euch, die man sich da erzählt, wo ich herkomme.«
Die Schüler notierten sich ihre Themen, dann gehörte alle Aufmerksamkeit wieder ihm.
»Vielleicht erinnert euch das ein bisschen an Bloody Mary«, begann er. »Vielleicht hängt das auch alles zusammen, es ist wie mit allen alten Geschichten,die man von irgendwem gehört hat, sie verändern sich, Dinge werden übernommen, andere Dinge werden weggelassen.« Er machte eine Pause und ließ den Blick durch die Reihen schweifen. Plötzlich wirkte er ernster. »Es heißt, wenn du dich um Mitternacht in völliger Dunkelheit vor den Spiegel stellst und ein bestimmtes Wort sagt, erscheint im Spiegel ein Sensenmann.«
Es war still in der Klasse, alle blickten ihn nur skeptisch an. Meinte er das ernst?
»Und dann?«, fragte Frederike.
Mr Harrington antwortete nicht sofort. »Da sind die Geschichten ganz unterschiedlich. Manche sagen, er stiehlt einem die Seele. Allerdings hört man auch, dass er jemanden für einen umbringt.«
»Meinen Sie das ernst?«, fragte Frederike mit gehobenen Augenbrauen. »Und was soll das für ein Wort sein, das man sagen muss?«, wollte sie wissen, als er nickte.
»Eneco«, antwortete er nach einem Moment des Zögerns.
Wieder herrschte Stille im Klassenraum, die Blicke wurden noch etwas skeptischer.
»Eneco ist ein Pokémon.« Natürlich war es Hannes, der das völlig ohne Meldung oder sonstige Vorwarnung dazwischenrief. Ein paar Schüler lachten auch, darunter Mina und Mariam, weil sie sich das einfach nicht verkneifen konnten. Mina hatte genau dasselbe gedacht, ehrlich gesagt.
»Eneco heißt aber auch auf Latein ›Ich töte‹«, bemerkte Emma leise. Sie schaute dabei Mr Harrington an, nicht Hannes. »Denken Sie, da ist was dran?«
Er lächelte. »Es wirkt nur, wenn man es auch so meint«, sagte er, dann klingelte es zur Pause.

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