Kapitel 03 – Sirenen

Mariam lachte und hielt währenddessen wenigstens darin inne, Minas Fingernägel zu lackieren. Das hätte eine schöne Schmiererei gegeben. Haarsträhnen verfingen sich in ihrem Mund und einzelne Härchen in den Wimpern, während sie sich schüttelte und eine ganze Weile brauchte, um sich zu beruhigen.

„Du hast es ausprobiert!“, rief sie, schraubte den Pinsel wieder auf das Fläschchen und wischte sich mit beiden Händen übers Gesicht. „Dann ist Fräulein Rationale Erklärung kein sehr passender Spitzname mehr für dich“, stellte sie mit Bedauern in der Stimme fest.
Mina hob die Brauen. „Nennt mich irgendjemand im Ernst so?“ Das konnte sie sich nicht vorstellen, selbst Mariam hatte sie nur einmal so genannt, während sie sich alle von Leon geliehenen Staffeln von Akte X angeschaut hatten.
Grinsend schüttelte Mariam den Kopf. „Und nun müssen sie ja auch nicht mehr damit anfangen.“ Sie atmete tief durch, blickte wieder etwas ernster und stellte den Nagellack in die Reihe zu den anderen Farben. „Was nehmen wir denn für den kleinen?“, fragte sie.
„Pink“, schlug Mina vor und griff die kleine Flasche mit spitzen Fingern. „Find ich gut neben dem hellen Blau.“ Sie hielt es neben ihren Ringfinger.

Nach einem prüfenden Blick lächelte Mariam und verteilte den Lack mit bedächtigen Bewegungen gleichmäßig auf Minas Nägeln. „Wenn du es sogar zugibst, fällt es mir gleich viel leichter, dir zu sagen, dass ich es auch versucht habe.“
Das wunderte Mina überhaupt nicht, darum lächelte sie nur.
„Ja, im Bad“, fuhr Mariam fort. „Ich war halt gestern Nacht nochmal auf der Toilette und es hat gerade Mitternacht geschlagen. Da hab ich mir gedacht, wenn du einmal da bist, wieso nicht?“ Sie wurde ein bisschen rot. „Na ja, und dann hat Tina mich überrascht, weil ich nachts die Tür nie zumache, du weißt ja nie, aber weil das Licht eben aus war, hat sie gedacht, es wäre frei.“
„Es hätte dein Vater sein können“, bemerkte Mina.
Mariam machte ein Gesicht, als müsse sie sich gleichzeitig das Würgen und das Lachen verkneifen. „Ja, der hätte auch noch nachgefragt, wenn ich ihm geantwortet hätte, dass ich nur was probieren wollte. Tina nicht, die war einfach erleichtert, dass es kein Einbrecher war. Aber wenn einer nur einbricht, um das Klo zu benutzen, ist es okay, hat sie gesagt. Jedenfalls … Es hat natürlich nicht funktioniert. Aber so oder so hätte ich es ja nicht so gemeint.“
Mina nickte und schaute sich ihre Nägel an. Das Gefühl von frischem Lack gefiel ihr und Mariam hatte es wie immer schön ordentlich hinbekommen. Als der Lack trocken genug war, nahm sie sich das hellgrüne Fläschchen und Mariams Daumen, um nun dasselbe für sie zu tun.

Die beiden Mädchen waren zufrieden, als der Lack am Ende vollständig getrocknet war und sie die kleinen Reste abgekratzt hatten, die daneben gegangen waren. „Die Leute werden uns erst recht für Schwestern halten“, bemerkte Mina wie immer, wenn sie sich die Nägel gleich lackierten. Seit der Grundschule geschah das regelmäßig.
„Dein Vater und mein Vater könnten auch glatt Brüder sein, auch wenn uns das nur zu Cousinen machen würde“, überlegte Mariam und schnitt eine Grimasse. „Ich glaube, wenn ich ihm das sage, wirft er mich schon heute Abend raus …“
„Ich glaube auch nicht, dass mein Papa noch mehr Geschwister braucht.“ Er hatte fünf gehabt, von denen jetzt noch drei am Leben waren. Ihr Vater war der Älteste gewesen.
Mariam nickte stumm und betrachtete nachdenklich ihre Nägel. „Unser Timing mal wieder. Das wird in der schwarzen Woche nen schönen Kontrast geben.“
„Huh?“ Mina schaute auf den Kalender. Tatsächlich, am Montag begann die zweite Novemberwoche, während der Mina, Mariam, Emma und Sophie seit zwei Jahren nur Schwarz trugen. Ihre Mutter hatte sie gefragt, warum, und sie war sich seltsam damit vorgekommen, zu sagen, dass es nur ein ganz harmloser Grund war. Für sie war es das nämlich nicht, aber das würde sie niemandem erklären können. „Aber Nagellack zählt nicht mit rein, oder?“
Mariam schüttelte den Kopf. „Emma meinte, sie nimmt auch immer schwarzen Nagellack, Sophie nimmt ja nie welchen. Aber es ist okay.“ Sie schwieg einen Moment und ihre Gedanken schienen davon zu treiben, dann schnitt sie wieder eine Grimasse.

Mina wollte fragen, was sie nun schon wieder dachte, kam jedoch nicht dazu, denn die Sirene ging los. Die Mädchen richteten sich im Sitzen auf und horchten.
Einmal.
Sie schauten sich an.
Zweimal.
„Silent Hill“, flüsterte Mariam, lächelte schief.
Dreimal.
Nicht einfach nur eine Übung.

Es dauerte nicht lang, da ertönten Martinshörner und Mina stand auf, zog Mariam auf die Beine und sie stellten sich ans Fenster, von dem aus man genau auf die Straße blickte. Bald fuhr ein Feuerwehrauto vorbei, mit Blaulicht und Sirene, auch in den Nachbarhäusern traten die Leute ans Fenster. Hier auf dem Dorf war das so selten, dass es immer Großereignis war, das sich niemand entgehen lassen wollte.
Ein zweites folgte, ein drittes, und ein Notarztwagen.
Die Martinshörner verklangen langsam, doch in einiger Entfernung waren andere zu hören. Mariam stupste Mina in die Seite und deutete in die Richtung, die die die Einsatzwagen unterwegs gewesen waren. Zwischen Häuserdächern stieg eine dicke Rauchwolke auf.
Dann klingelte ihr Handy und sie entfernte sich vom Fenster. Mina hörte sofort, dass es ihr Vater war, der sich vergewissern wollte, dass sie in Sicherheit war.
Auf der Straße fuhr ein weiterer Notarztwagen und in kurzem Abstand dazu eine junge Frau auf einem Motorrad, von der sie nicht mehr sah als lange, rote Locken im Fahrtwind.

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