Kapitel 04 – Selbstgespräch

Es hatte nur einen Toten gegeben. Die Feuerwehr hatte den Brand erfolgreich eindämmen können, bevor er auf andere Häuser übergegriffen hatte. Frederike wusste natürlich alles darüber, weil ihre Mutter eine der größten Klatschbasen der kleinen Stadt war, und erzählte am Montag dem halben Philosophiekurs davon.
Offenbar war in der Küche eines Mehrfamilienhauses im Neubauviertel ein Brand ausgebrochen, nachdem es einen Kurzschluss gegeben hatte. Nach bisherigen Informationen war es wohl ein Unfall gewesen, wie sie eben geschehen. Frederike nannte den Namen des Mannes nicht, der dabei ums Leben gekommen war, so viel Anstand besaß sie. Vielen hätte er ohnehin nichts gesagt, dort wohnten hauptsächlich zugezogene Leute. Allerdings war ein Junge aus der neunten Klasse nicht zur Schule gekommen, der wohl mit ihm verwandt gewesen war.

Der Unterricht verlief weitgehend normal, nur machten Schüler wie Lehrer weit weniger Witze. Während Mariam und Mina ihren Vortrag hielten – sie hatten sich freiwillig gemeldet, die Ersten zu sein, so hatten sie es hinter sich –, war es ganz angenehm. Normalerweise kam kein Referat ohne irgendwelche unnötigen Zwischenrufe aus, was einen noch nervöser machen konnte, als man durch die bloße Aufgabe schon war.
In Mr Harringtons Unterricht war es meist nicht schwer, es ging viel lockerer zu als etwa bei Herrn Artmann oder nach Erzählungen der Anderen bei Minas Vater. Doch heute war selbst er sehr ernst und nicht so gelassen wie sonst.
Mina schob es darauf, dass so ein Brand etwas war, das wirklich jedem geschehen konnte, das verunsicherte die Leute.
Sie bekamen fünfzehn Punkte, so ein Referat war immer eine einfache Gelegenheit. Eine, die nicht alle nutzten, denn Markus und Charlotte, die nach ihnen an der Reihe waren, war anzumerken, dass sie gerade so viel gemacht hatten, um auf ihre zehn Punkte zu kommen. Bis heute verstand sie nicht, dass es Leute gab, die sich damit zufrieden gaben, aber es ging sie ja auch eigentlich nichts an.

Nach der Stunde wischte Mina die Tafel. Die meisten Schüler beeilten sich, nach draußen zu kommen, um in der Essensausgabeschlange nicht zu lang warten zu müssen. Mariam gehörte zu ihnen, darum lehnte sie mit entschuldigendem Blick ab, als Mina sie darum bat, mit ihr zur Toilette zu kommen.
Als sie Mariam hinterher sah, bemerkte Mina an der Tür Luise, ein Mädchen aus dem Matheleistungskurs. Sie schaute Mr Harrington an, der am Tisch saß und den Stundenverlauf ins Kursbuch eintrug. Irgendetwas störte Mina an ihrem Blick, er sah ein bisschen gequält aus, unsicher, doch sie kam nicht herein, sondern verschwand.
Sehr viel hatte sie nicht mit Luise zu tun, wusste aber, dass sie ihre Probleme in Englisch hatte und schob dieses Verhalten einfach darauf.

Wie immer gehörte Emma zu den Letzten, die den Raum verließen, den Rucksack auf einer Schulter und Kopfhörer in den Ohren. Mina hörte Motörhead schon aus zwei Schritten Entfernung. Sie trug schwarze Schuhe und Hosen, ein schwarzes T-Shirt unter einer schwarzen Jacke, schwarze fingerlose Handschuhe und einen ebenso schwarzen Schal. Dadurch wirkte ihre Haut noch bleicher als ohnehin schon.
Sie wollte die Gelegenheit nutzen. „Hey“, sagte sie, um erstmal Emmas Aufmerksamkeit zu bekommen. „Würdest du mich bitte … kurz begleiten?“
Die Frage schien sie zu überraschen und sie schaute an Mina vorbei zur Tür, dann auf die Uhr. „Mariam ist schon weg, hm? Ja, dann … Ach, was soll’s, wieso nicht?“ Sie nahm sich einen Stecker aus dem Ohr und die Musik wurde etwas lauter.
„Danke“, seufzte Mina erleichtert. Normalerweise gehörte Emma nicht zu denen, die nur in Grüppchen zur Toilette gingen und sagte auch nicht immer zu, wenn sie doch jemand bat.
Zur Antwort lächelte Emma nur etwas schief.

„Mädchen?“, fragte Mr Harrington, als Mina den Schwamm auswusch und nun auch endlich ihre Sachen packte. „Ich weiß nicht, ob die Frage zu persönlich ist, aber … Gibt es einen Grund, warum ihr vier heute Schwarz tragt?“ Er sah ein bisschen besorgt aus.
„Ist nur die Schwarze Woche“, antwortete Mina lächelnd. „Nichts Schlimmes an sich.“
„Wir haben nur in derselben Woche alle dasselbe Buch zuende gelesen“, erklärte Emma und es schien ihr nicht schwer zu fallen. Mina war froh darüber, sie wollte nicht erklären. „Und da … Wenn man es so will, ist da unser aller Lieblingscharakter gestorben.“
Mr Harrington nickte und es wirkte, als würde er wenigstens ein bisschen verstehen.

Die Toiletten im ersten Stock waren leer, Mina beeilte sich, sie wollte Emma nicht zu lang warten lassen, die am Ende des Kabinenflurs am Fenster stand.
Doch als sie die Tür hörte, hielt sie kurz inne. Nicht, weil jemand hereinkam, das war normal, sondern weil sie Luises Stimme hörte. Und nur ihre. „Noch nicht“, sagte sie leise. „Noch nicht heute, das wäre zu auffällig.“
Ein Moment der Stille, den Mina nutzte, um die Tür einen Spalt zu öffnen. Da war wirklich nur Luise, stand auf Zehenspitzen vor einem Spiegel und zog sich den Lidstrich nach.
„Nein, keine kalten Füße, glaub mir. Lass mich nur eine Woche warten, bitte.“
Wieder Stille, nur ihre Absätze auf dem Fliesenboden, als sie sich wieder gerade hinstellte und sich den Pony aus dem Gesicht strich.
Wie erschrocken fuhr sie plötzlich herum und erblickte Mina, die einen Schritt zurück machte und die Tür zuschlug. Ihre hastigen Schritte verstummten, als sie auf den Flur trat und die Toilettentür schloss.
„Emma?“, fragte Mina, als sie aus der Kabine trat und wollte schon fragen, ob sie das auch gehört hatte. Doch sie reagierte nicht einmal, sondern erst, als Mina neben sie trat.