Kapitel 05 – Verabredung

„Sie hat sich mit dem Spiegel unterhalten?“, fragte Emma, als Mina sich die Hände wusch. „Mit dem hier?“ Eine Weile schaute sie nachdenklich hinein, als erwartete sie, mehr zu sehen als nur das eigene Gesicht. „Weißt du, was komisch ist?“
„Komischer als Mädchen, die sich mit Spiegeln unterhalten?“ Mina trocknete sich die Hände und öffnete die Tür zum Flur, ließ Emma den Vortritt.
„Kann man so sagen.“ Emma trat auf den Flur und nahm sich die Kopfhörer aus den Ohren. Das tat sie nur selten während der Pausen, sie unterhielt sich auch eigentlich niemals mit jemandem. „Ich hab natürlich mal geschaut, was man so über diese Spiegelsensenmanngeschichte finden kann. Erstmal durfte ich feststellen, dass ich ausgerechnet aus Northumberland niemanden kenne und außerhalb scheint das gar nicht bekannt zu sein. Normalerweise verbreiten sich solche Dinge ja viel schneller. Auffälliger fand ich allerdings, dass das Wenige, das man darüber findet, so jung ist. Zwei Berichte aus diesem Frühjahr aus Berwick-upon-Tweed und dann einer vom September aus Leipzig.“
Mina stutzte. „Das ist wirklich … merkwürdig. Danke für die Info.“ Sie nahm sich vor, bei der nächsten Gelegenheit mit Mr Harrington darüber zu reden. Irgendetwas daran stimmte einfach nicht.
Emma winkte ab und blieb an der Treppe stehen. „Kein Ding, ich mach so was gern.“ Da übertrieb sie nicht. Recherche über die verschiedensten Dinge schien eines ihrer Hobbys zu sein. Für solche Aufgaben meldete sie sich stets freiwillig und oft genug erwarb man den Eindruck, sie wüsste, wo alles stand.

Zuerst wollte Mina jedoch mit Luise reden. Vielleicht gab es eine Erklärung, auf keinen Fall wollte sie umsonst irgendwelche Pferde scheu machen. Sie fand sie im Oberstufenaufenthaltsraum, wo sie allein an einem Tisch saß und aß, was eigentlich schon Anzeichen dafür war, dass etwas mit ihr nicht in Ordnung war. Normalerweise war sie immer von ein paar Kurskameraden umgeben, doch gerade fehlte von denen jede Spur.
Als Mina sich ihr gegenüber setzte, machte sie einen unbehaglichen Eindruck. „Wie viel hast du mitbekommen?“, fragte sie, noch bevor Mina sich richtig überlegen konnte, wie genau sie an die Sache herangehen sollte.
Mina beschloss, die Unwissende zu spielen, so würde sie vielleicht mehr erfahren, als wenn sie Luise gleich mit harten Fakten konfrontierte. „Nicht viel, ich hab dich nur reden hören und wollte mir grad die Hände waschen gehen, da hast du mich entdeckt.“
Luise glaubte ihr nicht, das sah sie sofort. „Denk bitte nicht, ich würde Selbstgespräche führen, ich hab nur meinen Text für die Theater-AG geübt, okay? Das ist mir lieber, wenn ich allein bin, darum war ich auch erschrocken, als ich dich da plötzlich im Klo gesehen hab.“
„Hast mich wohl für die Maulende Myrthe gehalten?“
Luises Mundwinkel verzogen sich zu einem freudlosen Lächeln. „Na, so schlimm siehst du nicht aus. Also, wie auch immer, ich geh dann mal.“ Sie packte ihre Brote ein und hastete aus dem Raum.

Dieses Verhalten war für Mina eindeutig, sie sollte mit Mr Harrington sprechen. Und sie fand ihn auch bald, denn er saß mit ihrem Vater und Frau Fischer beim Essen. Sofort fiel ihr eine gute Strategie ein.
Sie setzte sich auf den freien Platz neben ihm Vater und nahm ihren Rucksack auf den Schoß. „Papa, ich wollte dich fragen … Können Mariam und ich heute Nachmittag vielleicht in die Stadt gehen? Nach den Hausaufgaben natürlich, aber wir wollten einen Tee trinken, ein paar frühe Weihnachtseinkäufe machen …“
Er legte das Besteck zur Seite und wandte sich ihr halb zu. „Erst einmal, wie ist denn dein Vortrag gelaufen?“, wollte er wissen.
„Fünfzehn Punkte“, antwortete sie grinsend. Das war ein Pluspunkt, auch wenn es ihr lieber gewesen wäre, er hätte sie das hier nicht vor Mr Harrington gefragt. Der schien im Moment jedoch mehr an seinem Teller interessiert. Außerdem hätte es schlimmer sein können. Herr Artmann hätte mit am Tisch sitzen können.
„Sehr gut.“ Er lächelte ernst. Es sah immer aus, als würde er sich nicht wirklich über ihre Noten freuen, doch sie wusste, dass es so war. „Dann spricht wohl nichts dagegen. Vielleicht bringst du mir meine Zeitschrift mit, wenn du an einem Kiosk vorbei kommst.“
Mina nickte und wandte sich an Frau Fischer. Sie musste die Frage nicht stellen, nur lächeln.
„Arno wird nichts dagegen haben.“ Sie erwiderte Minas Lächeln.
Nun musste sie nur noch Mariam selbst über diese Nachmittagsgestaltung informieren, aber die würde auf keinen Fall Einwände haben.

„Vielen Dank. Mr Harrington?“ Nun musste nur noch dieser letzte kleine Teil passen. „Ich würde gern mit Ihnen über etwas sprechen, das Sie im Unterricht erwähnt hatten. Es könnte länger dauern.“
Er schaute sie an und schien zu verstehen. Darüber war sie froh, denn sie hatte keinen blassen Schimmer, wie sie ihrem Vater diese Angelegenheit hätte erklären sollen. „Tatsächlich bin ich heute Nachmittag ebenfalls in der Stadt. Treffen wir uns gegen drei am Brunnen auf dem Neumarkt?“
„Eine hervorragende Idee.“ Mina stand auf und schulterte ihren Rucksack. „Vielen Dank. Also bis später.“

„Wilhelmina!“, rief ihr Vater, als sie schon ein paar Schritte gegangen war.
Bei der Erwähnung ihres Namens schauderte sie und fuhr auf dem Absatz herum. Niemand benutzte ihn, nicht ihre Mutter, ihre Großeltern, nicht einmal Herr Artmann, nur er, und sie fand es grässlich. Doch es brachte nichts, ihm das zu sagen. Er hatte ihr den Namen nicht gegeben, damit er dann abgekürzt wurde, das hatte sie oft genug gehört. „Sie wünschen bitte?“
„Um acht bist du daheim.“
„Ja, Papa. Pünktlich um acht.“ Sie lächelte.

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