Kapitel 06 – Schwarzer Tee und Apfelkuchen

Die Bäume neben dem Brunnen waren schon kahl, der Wind ließ das vertrocknete Laub auf dem Boden rascheln. Mina saß auf einer der mit Namen und unleserlichen Sprüchen vollgeschmierten Holzbänke und blätterte in der Zeitschrift, die sie ihrem Vater gekauft hatte.
„Wie lang kann es dauern?“, fragte Mariam, die gerade Preisschilder von ihren gekauften Handschuhen und Stulpen entfernte.
„Lang genug, dass du dich im Buchladen austoben kannst und nicht so lang, dass dir da drin öde wird“, antwortete Mina lächelnd.
Mariam grinste. Ihr wurde in Buchläden niemals langweilig, sie konnte dort den ganzen Tag verbringen. „Dann mach ich mich gleich mal auf den Weg. Weißt ja, wo du mich findest.“ Sie gab Mina ein Küsschen auf die Wange und ging mit federnden Schritten über den Platz.

Ihr Timing war perfekt, vielleicht hatte sie Mr Harrington auch gesehen, auf jeden Fall kam er nun aus derselben Richtung. Mina stand auf und ging zu ihm hin, als er stehen geblieben war. Es war fünf Minuten vor drei und ihr fiel etwas ein.
„Was halten Sie davon, wenn wir uns zum Italiener auf dem unteren Hauptmarkt setzen?“, fragte sie und deutete zur Marktstraße hin.
Mr Harrington schaute sich kurz um, dann nickte er und folgte ihr. Ganz automatisch hielt sie Ausschau nach Klassenkameraden, es konnte schließlich immer wieder vorkommen, dass jemand hier in der Stadt war. Manche würden sich dann komische Dinge denken, wenn sie mit einem Lehrer unterwegs war, doch für sie war nichts dabei. Sie hoffte nur, dass niemals wieder jemand auf dieselben komischen Ideen kam wie damals nach der Scheidung von Mariams Eltern. Hin und wieder schaute man sie immer noch seltsam an, wenn er sie nach Hause fuhr.

Sie waren rechtzeitig da, noch vor der vollen Stunde. Mina schaffte das nicht immer, zu oft war sie zu früh oder zu spät, ohne die Zeit, darauf zu warten.
Mr Harrington setzte sich an einem Tisch neben einem Außenheizstrahler, der um diese Zeit allerdings noch nicht eingeschaltet war. Ebenfalls am Tisch saß eine junge Frau mit roten Locken, die ihn anlächelte und Mina schweigend zunickte.
Diese Frau war am Samstag mit dem Motorrad hinter dem Notarzt hergefahren. Die Statur passte, kräftig und etwas kleiner als Mr Harrington, der sich eine Brille aufsetzte und die Karte studierte.
Mina erwartete, dass er sie einander vorstellte, doch er schwieg und auch sie sagte nichts. Sie musterte Mina bloß aus ernsten, kiwigrünen Augen. Ihr Gesicht war schmal und eckig, die Haut war blass, wodurch die schmalen Lippen wirkten, als trüge sie Lippenstift, obwohl dem gar nicht so war.

„Mina“, sagte er, als sie gerade nach dem Namen der unerwarteten Begleitung hatte fragen wollen. „Was hältst du davon, wenn wir bestellen, bevor wir zur Sache kommen? Ich spendiere dir einen Tee. Und möchtest du Kuchen?“
Reflexartig schweifte ihr Blick über den Platz, sie entdeckte keine bekannten Gesichter, und zur Uhr, noch zwei Minuten bis drei. „Einen Earl Grey, bitte. Und ein Stück Apfelkuchen.“
Mr Harrington klappte die Karte zu und warf der jungen Frau einen fragenden Blick zu. Als sie nickte, lächelte er. „Ausgezeichnet, dann nehme ich dasselbe.“ Er schaute sich nach einem Kellner um und nahm die Brille ab, als ein junger Mann mit gezücktem Block am Tisch stehen blieb. „Drei Tassen Earl Grey und drei Stücken Apfelkuchen, bitte.“

Kaum dass der Kellner verschwunden war, ertönten die Glocken des Rathausturms und Mina schaute lächelnd hinauf. Mr Harrington folgte ihrem Blick und nachdem die erste Glocke viermal geschlagen hatte und die zweite zum ersten Mal schlug, staunte er. Die Kopfskulptur über dem Ziffernblatt öffnete zu jedem Schlag den Mund.
„Es heißt, das ist der Kopf eines Ritters, der gevierteilt wurde“, erklärte Mina, als es wieder still war.
Mir Harrington hob die Brauen. „Das ist … interessant“, sagte er. „Und ein schöner Einstieg dafür, worüber du mit mir sprechen möchtest, wenn ich nicht irre?“
Mina nickte und blickte aus dem Augenwinkel auf die rothaarige Frau, die noch immer hinauf zur Uhr schaute und lächelte. Er hatte nicht gesagt, dass jemand dabei sein würde. Wer war das überhaupt? Das alles kam ihr nach wie vor so seltsam vor, dass ihr nicht wohl dabei war, vor einer wildfremden Person darüber zu sprechen.
Offenbar sah Mr Harrington ihr diese Gedanken an. Er lächelte und nahm von einer Kellnerin mit kurzen blonden Locken seine Bestellungen entgegen. „Du kannst frei vor ihr sprechen, Dawn hat mich überhaupt erst auf die ganze Sache aufmerksam gemacht.“ Immerhin hatte sie nun einen Namen.

Also erzählte Mina die ganze kurze Geschichte. Von ihrem eigenen missglückten Versuch, dem von Mariam, und davon, wie sie Luise im Waschraum hatte reden hören. Weder Mir Harrington noch Dawn unterbrachen sie, beiden war in keinster Weise anzusehen, wie sie darüber dachten. Nur dass sie es ernst nahmen, erkannte sie, und das erleichterte sie gleichzeitig und verwunderte sie.
Nachdem sie damit geendet hatte, wie Luise versucht hatte, sich herauszureden, wirkte Mr Harrington seltsam zufrieden.
„Das erklärt alles“, sagte Dawn ohne jeden erkennbaren Sarkasmus und Mr Harrington nickte.
Mina sah das anders, für sie erklärte es überhaupt nichts.

„Danke, Mina“, sagte Mr Harrington und hob die Teetasse. „Vielen Dank, dass du uns davon erzählt hast, das hilft wirklich sehr. Wir werden uns darum kümmern.“
„Wobei?“, fragte Mina. „Wollen Sie etwa sagen, dass da wirklich ein Sensenmann ist?“ Sie konnte das nicht glauben.
„Wenn du doch etwas Geduld hast“, sagte Dawn mit stärkerem britischen Akzent als Mr Harrington, „werden wir es dir bald erklären.“

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