Kapitel 07 – Ruhig Blut

Zwei Tage lang hatte Mina das Gefühl, es wäre wieder alles normal. Sie hatte ein Auge auf Luise, die sich jedoch in keine Weise auffällig verhielt. Keine Gespräche mehr mit Spiegeln. Aber vielleicht war sie auch nur vorsichtig geworden. Auf jeden Fall verhielt sie sich normal.
Etwas zu normal, denn selbst am Donnerstag kam sie in den Unterricht, als wäre nichts gewesen. Dabei hatte sich in der Schule bereits herumgesprochen, dass am Abend zuvor ihr Stiefvater ums Leben gekommen war. Die Autobahn war noch immer gesperrt, er war auf dem Heimweg offenbar durch die Leitplanke gebrochen und einen Abhang hinunter gestürzt. Jemand anders war nicht zu Schaden gekommen, doch wie man hörte, sei er sofort tot gewesen.

Und dennoch saß sie hier im Unterricht und kam Mina nur nervös vor, nicht traurig oder so, wie sie es in der Situation erwartet hätte. Mina hatte nicht viel mit ihr zu tun, wusste allerdings, dass ihr Verhältnis mit ihrem Stiefvater nicht das Beste gewesen war. Doch waren das schon genug Anzeichen, um die Theorie zu rechtfertigen, die sich in ihrem Kopf festgesetzt hatte und immer breiter machte?
Manchmal brauchte es nicht viele Hinweise, nur die richtigen.
Sie würde mit Mr Harrington darüber sprechen, der ebenfalls den Eindruck machte, als fände er ihre Anwesenheit seltsam. Wenn sein Blick sie streifte, veränderte er sich ganz kurz und kaum merklich.

Am liebsten hätte sie Luise gefragt, doch beim letzten Mal war ebenfalls nichts dabei herausgekommen und sie fühlte sich seltsam damit. Wie würde Luise reagieren, wenn Mina ihr offenbarte, dass sie das wusste, was offenbar die Wahrheit war? Wahrscheinlich sollte sie sich überhaupt nicht einmischen, Mr Harrington und diese Dawn hatten ja gesagt, sie würden sich darum kümmern.
Den Tod von Luises Stiefvater hatten sie allerdings auch nicht verhindern können.
Mina musste auf alle Fälle zuerst mit ihrem Lehrer sprechen, bevor sie irgendetwas tat, das ihm am Ende vielleicht in die Quere kam.

Für den Rest des Schultages versuchte sie wirklich, sich auf den Unterricht zu konzentrieren, doch es fiel ihr schwer. Selbst in Geschichte war sie mit den Gedanken nur dabei, was da in dem, was Mr Harrington und seine Begleitung nicht ausgesprochen hatten, angeklungen war. Ein Sensenmann, ein leibhaftiger Sensenmann, war ihr im Spiegel erschienen und dadurch waren möglicherweise zwei Menschen gestorben.
„Sag mal, Wilhelmina, bist du auch geistig anwesend oder nur körperlich?“, fragte Herr Walther und die Erwähnung ihres ganzen Namens störte sie daran mehr als sein Ton und die Frage an sich. Mehr als das Gekicher der anderen Schüler und wie Hannes ihr in den Ellbogen in die Seite stieß. Er wusste, was jetzt kam.
„Ich bin hier nur zur Deko“, antwortete sie mit einem Lächeln und warf einen Seitenblick auf Hannes und sein breites Grinsen.
Herr Walther lächelte und schaute sie über seine Brille hinweg an. „Auch wenn du wirklich einen sehr hübschen Dekoartikel abgibst, Wilhelmina, wäre es mir doch lieber, wenn du meinem Unterricht folgen würdest.“
Sie errötete, wieder hauptsächlich wegen der Erwähnung ihres Namens. Das wusste Herr Walther und darum nannte er sie auch immer wieder so, wenn er sie ärgern wollte. Das war sein gutes Recht, schließlich war sie unaufmerksam gewesen. „Ja, verzeihen Sie, ich werde mich nicht mehr ablenken lassen. Wenn Sie auch bitte aufhören würden, meinen Namen zu sagen.“

Er nickte zufrieden. „Also, Mina, kannst du mir ein paar Reformatoren nennen?“
Mina war erleichtert, sie war schon bei weitaus schwierigeren Fragen unaufmerksam erwischt worden. „Luther natürlich“, sagte sie, „Melanchthon, Ulrich Zwingli, Johannes Calvin …“
„Ausgezeichnet.“ Herr Walther schrieb die Namen an die Tafel. „Hieran sehen wir, nach der Reformation teilte sich die Kirche nicht einfach in Katholiken und Protestanten, sondern es gab gleich mehrere Strömungen, und mit denen werden wir uns in den nächsten beiden Blöcken befassen.“

Mina war eine der Ersten im Englischraum, die meisten anderen Schüler hatten es nie eilig, aus der Pause zu kommen. Es war ihr recht, vor allem, dass Luise noch nicht da war. Nur Emma, die mit einem Buch und Kopfhörern auf ihrem Fensterplatz saß.
Mr Harrington saß mit einem Stapel Arbeiten am Lehrertisch und Mina hatte schon Bedenken, ihn zu stören, doch er schaute auf, als sie ihren Rucksack auf den Tisch stellte, an dem Mariam und sie saßen.
„Denken Sie über Luise und den Unfall dasselbe wie ich?“, fragte sie und verschränkte die Hände hinter dem Rücken, weil sie nicht wusste, wohin damit. Sie war nervös, warum auch immer. Emma hörte garantiert nicht mit, es wäre wahrscheinlich egal, wenn es so wäre. Doch diese ganze Sache war ihr einfach nicht geheuer. Das musste doch heißen, Luise meinte es so, aber konnten in ihr wirklich solche Gedanken stecken? Solcher Hass? Bei dieser Vorstellung wurde Mina ganz kalt.
Mr Harrington war ganz ernst. „Indeed“, sagte er. „Und dein Interesse an der Sache wundert mich ein wenig, aber du bist ein neugieriges Mädchen, nicht wahr?“
„Das sich mit Sachen konfrontiert sieht, die es nie für möglich gehalten hätte“, bestätigte sie. „Wenn Sie also so freundlich wären …“
Er nickte leicht. „Du wirst verstehen, dass ich hier nicht darüber sprechen möchte. Außerdem sollte Dawn dabei sein, was hältst du also davon, mich heute Abend auf eine Tasse Tee zu besuchen?“
Mina nickte. Er praktisch auf dem Weg von Herrn Walther zu ihr und da Mariam gerade bei ihrem Vater war, konnte sie auf dem Heimweg bei ihm vorbeischauen. „Werde ich dann die ganze Geschichte erfahren?“
„Die ganze Geschichte“, versicherte er ihr.

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