Kapitel 08 – Dawn

In der Einfahrt von Mr Harringtons Haus stand ein Motorrad, eine dunkelrote Cagiva Raptor 650, wie Mina erkannte, weil Hannes Spaß daran hatte, speziell ihr von all den Motorrädern vorzuschwärmen, die er so liebte. Manchmal hörte sie ihm dabei gern zu, es war schön, wenn Leute von etwas sprachen, von dem sie begeistert waren.
Darum blieb sie nun auch einen Moment stehen und betrachtete das Motorrad, es glänzte wie neu und hatte ein englisches Nummernschild. Später würde sie Hannes davon erzählen, der würde sich freuen, auch wenn sie über die Umstände wohl würde lügen müssen. Gerade er war einer, dem gegenüber sie über Besuche bei Lehrern lieber schwieg, seine Kommentare dazu wollte sie sich gern ersparen.

Bevor Mina die Türschwelle überhaupt erreicht hatte, wurde die Haustür schon geöffnet. Dawn stand im Rahmen, sie trug schwarze Hosen und einen schwarz-rot gestreiften Pullover, dessen Kragen so breit war, dass er ihr über eine Schulter fiel. Sie lächelte ernst und auch ihr Blick hing kurz an dem Motorrad, bis sie die Tür hinter Mina schloss.
Schweigend führte Dawn sie durch einen schlichten, weißen Flur ins Wohnzimmer, wo Mr Harrington auf einer dunkelgrauen Couch saß, vor sich auf dem Tisch eine Kanne Tee und drei Tassen. Er stand auf, als Mina an den Tisch trat, und wies auf einen der Sessel. Dawn nahm auf dem anderen Platz, indem sie sich so hineinlegte, dass ihre Beine über eine Armlehne ragten.
„Die ganze Geschichte willst du hören?“, fragte sie.
Mina nickte. „Bitte.“
„Well …“ Dawn verschränkte die Hände hinter dem Kopf. „Wo fang ich da denn am besten an? Bei mir, schätze ich?“ Sie warf einen fragenden Blick zu Mr Harrington, der nur sanft nickte, während er Tee eingoss.
„Man nennt mich Dawn“, begann sie. „Normalerweise würde ich dir jetzt erstmal eine Geschichte auftischen, dass ich Arthurs neunzehnjährige Nichte bin, die dieses Jahr mit ihm in Deutschland verbringt, aber das hat sich ja schon erledigt, das hätte ich am Montag machen sollen. Nein, ich bin nicht mit ihm verwandt und auch nicht neunzehn.“ Sie sprach sehr schnell, nach wie vor mit diesem starken Akzent und streute hier und da englische Worte in ihre Sätze, was sie für Mina nicht ohne Weiteres verständlich machte.
„Und ich möchte dich vorwarnen“, fuhr sie nach einer Pause fort, in der sie eine Tasse von Mr Harrington entgegen genommen hatte. „Du könntest ein paar Dinge hören, die schwer zu glauben und zu begreifen sind, doch wenn ich eine Sache noch nie in meinem Leben getan hab, dann ist das kleine Mädchen belügen. Unterbrich mich bitte nicht und heb dir deine Fragen für später auf. Verstanden?“
„Verstanden.“ Mina bedankte sich mit einem Lächeln für den Tee, den Mr Harrington nun auch ihr reichte.

„Ausgezeichnet!“ Dawn lächelte. „Also. Sensenmänner. Totengötter. Typen mit Kutten und Knochenhänden. Nur eigentlich nicht. Nicht wirklich. Was stimmt: die Verstorbenen ins Totenreich bringen. Was nicht stimmt: viel von dem, was die Leute sich so dazu ausdenken. Ich meine, Kutte? Knochenhand?“ Sie hob die Arme und vergoss dabei beinahe Tee.
Mina stutzte. Wollte sie damit sagen, sie war ebenfalls ein Sensenmann?
Dawn grinste ehrlich amüsiert. „Zugegeben, so hier seh ich nicht normalerweise aus, nur wenn ich mit dem guten Arthur unterwegs bin, aber die eigentliche Gestalt hat damit auch nicht viel zu tun. Ich kann es dir nicht einmal so recht beschreiben, aber … Was?“
„Dawn, langsam, bitte“, sagte Mr Harrington sacht.
„Sie möchte die ganze Geschichte“, erinnerte Dawn ihn mit diesem „Ihr habt es so gewollt“-Ton.
Mr Harrington blickte sie tadelnd an. „Aber doch bitte auf eine Weise, dass sie auch versteht.“
Mina konnte ihm nicht beipflichten, auch wenn sie gern gewollt hätte, doch sie konnte nur starren, in diese Augen. Ein Sensenmann. Ein Totengott saß ihr gerade gegenüber, sie tranken zusammen Tee. Mr Harrington schien das zu wissen und völlig normal zu finden. Nicht zuletzt überraschte sie sich selbst, da sie es glaubte.
Dawn rollte mit den Augen. „Okay. Also. Sensenmänner“, sie benutzte das englische Reaper, „gibt es, seit es Werden und Vergehen gibt, aber wir sind nicht ganz unsterblich. Gegenseitig können wir uns vernichten, doch das kommt nicht oft vor. Ich gehöre zu den etwas älteren, falls es dich interessiert.“
Mina hob die Brauen.
„Du kennst sicher die Verschlingerin, dieses putzige Tierchen, das beim ägyptischen Totengericht die Seelen der Verbrecher verschlungen hat? Ich auch.“ Dabei grinste sie, als würde sie sich diebisch freuen. „Und einige der Pyramiden waren schon antik, als es noch Pharaonen gab.“
„Dawn, bitte.“ Mr Harrington trank geräuschvoll einen Schluck Tee. „Ich weiß, wie gern du damit angibst, aber was hältst du davon, wenn du jetzt zum Punkt kommst und später weiter prahlst?“
Dawn bedachte ihn mit einem langen Blick, dann räusperte sie sich. „Ich weiß nicht genau, was die Kameraden leitet, aber hin und wieder passiert es, dass einer von uns in die Menschenwelt kommt und großen Mist baut. So wie Jade, der offenbar Spaß daran hat, gegen die oberste Regel zu verstoßen, niemanden vor seiner Zeit zu holen.“
„Jade hat sich die Sache mit dem Spiegel ausgedacht“, erklärte Mr Harrington. „Du siehst, die Leute probieren es auch. Und bei manchen klappt es.“
„Das Problem ist, sie hat keine Ahnung, auf was sie sich eingelassen hat, wahrscheinlich begreift sie das alles noch nicht so recht.“ Das Lächeln war aus Dawns Gesicht verschwunden und an seine Stelle war eine gewisse Düsternis getreten.
„Ist sie in Gefahr?“, fragte Mina, dabei kannte sie die Antwort bereits.

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