Kapitel 09 – Pläne

Mina hatte sich jemandem anvertrauen müssen und freilich war die Wahl auf Mariam gefallen. In der Pause standen sie in der Nähe der Raucherecke, wo niemand von ihnen unbemerkt in die Nähe kommen konnte. Der perfekte Ort für geheime Besprechungen.
„Moment.“ Mariam hob die Hände. Nach dem Ende von Minas Bericht über den Abend zuvor waren einige Sekunden des Schweigens verstrichen. „Fräulein Rationale Erklärung will mir wirklich erzählen, dass diese ganz doofe Geschichte wahr ist. Du hältst Vesper mit dem Englischlehrer und einer Totengöttin. Hast du Beweise gesehen, dass sie nicht nur Flachs macht?“
„Ich hab ihr auch so geglaubt“, antwortete Mina. Sie musste nur an diese Augen denken, an die Art, wie sie über all das gesprochen hatte. Das konnte sich niemand ausdenken.

„Okay.“ Mariam nickte schweigend. „Wir gehen also davon aus, dass das alles kein dummer Streich der dümmsten Sorte ist. Dann hat Mr Harrington uns das erzählt, um diesen Jade anzulocken und dabei in Kauf genommen, dass wir in Gefahr geraten?“
Es überraschte sie nicht, dass Mariam damit genau das aussprach, was Mina ebenfalls beschäftigt hatte. „Er hat ja nicht damit gerechnet, dass es bei irgendwem klappt. Ich hätte auch nie erwartet, dass Luise so drauf ist.“
Mariam beugte sich zu ihr vor. „Sie hat ihren Stiefvater gehasst“, flüsterte sie. „Ich hab es bei den Theatertreffen mitbekommen, ständig hat sie sich bei Frederike über ihn beschwert. Ich hab versucht, es zu überhören, aber bei zwölf Mann kriegt man ja doch vieles mit.“ Anscheinend hatte sie aber nicht vor, diese Dinge mit Mina zu teilen. Deren Interesse daran hielt sich auch Grenzen.

„Außerdem wollten sie es ja verhindern, ihn auf frischer Tat ertappen und aufhalten“, bemerkte Mina.
„Das hat nicht geklappt“, stellte Mariam trocken fest.
„Er ist Dawn ganz knapp entwischt. Am Samstag haben wir sie ja gesehen und Mittwochabend hat sie die Stelle zu spät gefunden. Sie hatten keinerlei Hinweise auf eventuelle Opfer, Mr Harrington kennt Luise ja kaum, Dawn noch viel weniger.“ Mina schwieg einen Moment, in dem Mariam sie musterte. Ohne es auszusprechen, wussten beide, was sie gerade dachten.

„Wir müssen mit ihr reden“, sprach Mariam es schließlich aus. „Ich meine, klar, sie ist eine Ziege und was erwartet man schon von Leuten aus dem MatheLK, aber ich mach mir Sorgen um sie. Irgendwie. Etwas muss sich doch von ihr erfahren lassen, wenn wir es richtig angehen.“
Mina war derselben Meinung, doch einfach stellte sie sich das nicht vor. „Aber wie gehen wir das richtig an?“, fragte sie.
Nachdenklich fuhr Mariam mit dem Fingernagel die Naht ihres Jackenärmels nach. „So genau weiß ich das auch nicht. Aber ich denk mir im nächsten Block was aus, ist nur Franze, muss ich nicht aufpassen.“

Sie hatten sich eine Strategie zurechtgelegt, Ausweichmöglichkeiten, wie auch immer Luise reagieren mochte. Doch es kam natürlich immer anders, als man es plante. Luise saß mit ihren Freunden im Oberstufenaufenthaltsraum, doch als sie die Mädchen hereinkommen sah, stand sie auf.
„Fangt gar nicht erst an“, zischte sie und setzte sich aufs Fensterbrett. „Ich weiß, warum ihr hier seid, aber das könnt ihr euch sparen.“
„Was für eine Ausgeburt an Freundlichkeit du wieder einmal bist.“ Mariam zog eine Schnute. Mina hatte sich einen derartigen Kommentar verkniffen, da sie überhaupt nicht mit einer netteren Reaktion gerechnet hatte. Im Gegenteil, es hätte sie verwundert.
Luise schnalzte mit der Zunge. „Was denkt ihr euch denn? Ihr kommt hierher, um mir auf die Nerven zu gehen, anstatt ihr mich einfach mal in Ruhe lasst, ich hab im Moment echt genug Stress.“
„Stress, den du dir selbst machst“, bemerkte Mina. „Wir sind doch nur besorgt um dich, wegen der ganzen Sache, weißt du eigentlich …“
„Besorgt?“, unterbrach Luise sie. „Wir wechseln normalerweise kein Wort zu viel und jetzt macht ihr euch Sorgen um mich? Könnt ihr mich nicht einfach in Ruhe lassen und euch um euren eigenen Scheiß kümmern?“
„Nein“, antwortete Mariam ernst. „Es gibt Dinge, da möchte man niemanden reinrennen sehen und das hier ist so eins. Nur, dass du schon mitten drin bist, aber du kannst dir helfen lassen, da wieder raus zu kommen.“
„Mir kommen gleich die Tränen. Ganz ehrlich, ich pfeif auf eure Hilfe – als ob ihr überhaupt irgendwas tun könntet – oder die von irgendwem anders. Die Sache hat sich eh bald erledigt. Also lasst mich einfach machen, ich hab davon ja wohl mehr Ahnung als ihr.“
Die Art, wie leicht sie davon sprach, bewies Mina das Gegenteil. Nichts wusste sie, nichts von dem, wie es enden würde, wenn sie so weitermachte. Doch im Moment würde sie auch nicht hören, das verriet ihr Gesichtsausdruck.

„Tu das nicht“, hauchte Mina. „Das ist es nicht wert.“ Sie wusste nicht genau, was Luise vorhatte, doch es konnte in diesem Zusammenhang nur furchtbar und falsch sein.
„Ich muss“, antwortete Luise, rutschte von der Fensterbank und wirkte plötzlich gar nicht mehr so gereizt. „Es geht schon viel zu lang, ich muss …“ Sie wurde immer leiser und ging zwischen Mariam und Mina hindurch zum Tisch, ohne sie noch einmal anzusehen.

„Ich weiß nicht“, antwortete Mariam murmelnd auf die unausgesprochene Frage in Minas Blick. Sie schaute Luises Spiegelbild im Fenster hinterher und runzelte nachdenklich die Stirn. „Natürlich können wir uns sicher sein, dass sie nicht meint, allen Kuchen auszugeben, auch wenn das echt mal ’ne coole Idee wäre. Ich fürchte eher, es steht noch jemand auf ihrer Liste.“
In diesem Moment fiel es Mina ein. „Wir müssen Mr Harrington bescheid sagen.“