Kapitel 10 – Lügen

Mr Harrington hatte ihr versichert, dass Dawn und er alles tun würden, um die Sache anders zu beenden, als Luise es plante. Mina hoffte es ehrlich und für ihre Neugierde darüber fühlte sie sich furchtbar.
Als sie mit ihrem Vater zusammen aus dem Schulhaus kam, sah sie Dawn in der Buswendeschleife stehen, an ihr Motorrad gelehnt und telefonierend. Sie hob eine Hand, als sie bemerkte, dass Mina sie gesehen hatte.
Sie winkte zurück und nutzte den Moment, da Mariams Vater nach ihnen aus der Tür trat und Minas Vater sofort in ein Gespräch über das Theaterspiel verwickelte, das er mit den Lateinschülern der neunten Klasse probte.
„Ich fahr mit einer Freundin in die Stadt“, sagte sie und beeilte sich, über die Straße zu kommen. Ihr war nicht wohl dabei, ihn zu belügen, aber die Wahrheit konnte sie ihm unmöglich sagen. Von allen Leuten an der Schule würde er ihr am wenigsten glauben, sie wohl gleich zum nächsten Psychiater fahren.
„Zum Abendessen bist du daheim“, sagte er und nickte ihr zu.

Anstatt von einer Begrüßung drückte Dawn ihr einen Helm in die Hand. „Wir fahren zu dem Mädchen. Du kommst mit, ich denke, es wirkt komisch, wenn ich da einfach als Wildfremde auftauche.“
Mina glaubte nicht, dass Luise nach dem Gespräch in der Pause sonderlich begeistert von einem Besuch wäre, doch sie stimmte Dawn auf alle Fälle zu und erhielt auf diesem Wege auch ihren Willen, zu erfahren, wie das alles weiterging. Sie wurde einbezogen, ohne fragen zu müssen, und das bedeutete ihr etwas, da diese Sache normalerweise weit außerhalb ihrer Reichweite lag.

Es war nicht ihre erste Fahrt mit einem Motorrad, Hannes nahm sie hin und wieder mit. Doch es war ihre bisher schnellste, denn Hannes‘ ETZ 251 war gedrosselt. Also genoss sie das angenehm mulmige Gefühl in ihrem Bauch und klammerte sich an Dawn, was die Kälte des Fahrtwinds etwas abhielt. Es hätte ihr Angst machen sollen, doch mit einem Totengott Motorrad fahren, was konnte passieren?
Dennoch zitterte sie ein wenig, als sie in der leeren Einfahrt von Luises Haus vom Sitz rutschte und sich den Helm vom Kopf zog. Dawn lächelte und klopfte ihr auf die Schulter, bevor sie sich umschaute und zur Haustür ging.

Niemand antwortete auf das Klingeln, sie klopfte, doch weiter tat sich nichts. Im Haus gab es keine Bewegung. Dawn atmete hörbar aus und schob die Hände tief in die Taschen ihrer Jeans. „Keiner da“, stellte sie das Offensichtliche fest. „Meinst du, es dauert, bis sie heim kommt?“
Mina hob die Schultern. „Ich kann’s mir nicht vorstellen, allerdings hab ich keine Ahnung, was sie nachmittags alles noch so treibt. Eine Weile können wir ja warten.“ Tatsache war, dass sie sich erst beruhigen musste, bis sie wieder auf dieses Motorrad stieg. Es war auf die durchweg positive Art aufregend gewesen, aber eben doch aufregend. „Was hast du eigentlich genau vor?“
Dawn blies die Backen auf. „An sich will ich nur ein paar ernste Worte mit ihr reden, mit Jade ein paar mehr und ihn dahin bringen, wo er hingehört.“ Es hörte sich an, als würde sie sich darauf freuen, was Mina verunsicherte, als sie daran dachte, mit was sie es hier zu tun hatten. Doch es war vielleicht nicht das erste Mal, dass Dawn so etwas tat und warum sollten für Totengötter dieselben Denkweisen wie für Menschen gelten?
Einmal mehr merkte Mina, wie seltsam es war, dass die Person, die da gerade neben ihr stand und den Blick lächelnd durch den Vorgarten schweifen ließ, aussah wie ein Mensch, aber gar keiner war.
Nach wie vor hatte sie allerdings nicht wirklich Angst, denn Dawn hatte zu keinem Zeitpunkt den Eindruck erweckt, dass das nötig war, eher im Gegenteil. „Hast du dafür auch einen Plan?“, fragte sie, denn danach klang es überhaupt nicht.
Dawn lachte. Auch wenn das alles erklärte, hätte Mina gern etwas dazu gesagt, doch schon im nächsten Moment schaute Dawn auf und schaute die Straße hinunter. Von dort kam gerade Luise, wahrscheinlich von der Bushaltestelle, mit der Schultasche über der Schulter.

Sie blieb stehen, als sie Mina entdeckte. „Was machst du hier?“, fragte sie. „Hat man denn nicht einmal daheim seine Ruhe? Und wer ist das?“ Mit der ganzen Hand deutete sie auf Dawn.
„Wir sind nicht wegen dir hier, Mädchen, sondern wegen des Herrn dort oben in deinem Zimmer“, antwortete Dawn, anstatt sich vorzustellen und deutete hinauf zu einem Fenster im zweiten Stock.
Mina folgte der Weisung mit ihrem Blick und sah dort hinter der Scheibe tatsächlich ein langes, schmales Gesicht und helle Locken. Aus irgendeinem unbestimmten Gefühl heraus jagte es Mina einen Schauer über den Rücken.
Ein Ausdruck des Trotzes erschien in Luises Gesicht. „Nun mischen Sie sich auch noch ein, es ist ja kaum zu fassen! Ich habe doch gesagt, es ist bald vorbei!“ Sie tat Mina leid dafür, dass sie hier in etwas hineingeraten war, das viel zu groß für sie war, und sich nun von allein Seiten angegriffen fühlte.
„Wenn du Flo los bist?“, vermutete Dawn laut. Mina fragte sich, woher sie das wusste. Vielleicht hatte sie vor der Schule mit Mr Harrington telefoniert, dem sie ihre Vermutung mitgeteilt hatte. Flo, Florian, das war ein Junge aus dem Mathematikleistungskurs, der Luise seit der fünften Klasse auf schlimmste Art und Weise ärgerte, wo er nur konnte.
„Was, wenn ich dir sage, dass du so einfach nicht aufhören kannst?“ Dawn war ganz ernst. „Jade lässt dich so leicht nicht gehen, Mädchen.“

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