Kapitel 11 – Die ganze Wahrheit

  Luise stand nur und starrte. Sie starrte Dawn an, ihr Blick sprang für einen Moment hinauf zum Fenster, hinter dem noch immer dieser Mann mit dem fahlen Gesicht zu sehen war, dann wieder zu Dawn.
„Ja, was dachtest du denn?“ Dawn stemmte die Hände in die Hüften. „Dass ein Totengott sich aus purer Nettigkeit kleinen Mädchen im Spiegel zeigt und für sie Leute umbringt? Durch diese Morde, die gleichermaßen auf deine Kappe gehen wie auf seine, ist deine Seele verdorben, und wenn es dir zu viel wird – es wundert mich ja, dass du damit leben kannst, diese beiden Menschen auf dem Gewissen zu haben – und du nicht mehr mitspielen möchtest, wird es ihm eine Freude sein, sich deine Seele zu schnappen und sich wieder zu verkriechen wie der feige Hund, der er ist.“ Sie drehte sich auf einem Absatz um und schaute zu dem Mann im Fenster. „Das kannst du vergessen.“
Er reagierte nicht, vielleicht erkannte Mina es auf die Entfernung und durch die Spiegelung im Fenster auch einfach nicht, auf jeden Fall stand er da nur weiterhin und beobachtete sie.

Luise war bleich geworden. Ihre Hand umklammerte den Träger ihres Rucksacks so fest, dass ihre Fingerknöchel weiß hervortraten. „Aber … Er hätte mich doch nicht belogen“, flüsterte sie. „Er hat gesagt, dass …“
Dawn unterbrach sie, indem sie mit dem Fuß aufstampfte und der Absatz ihrer Stiefel auf die Gehwegplatte schlug. „Du rufst einen Sensenmann zu dir, indem du bindend ankündigst, jemanden tot sehen zu wollen“, sagte sie langsam. „Es funktioniert und du lässt ihn tatsächlich zwei Leute umbringen, was bei dir keinerlei offensichtliche Gefühlsregung hervorruft, wie man es eigentlich erwartet hätte. Aber du bist naiv genug, zu glauben, was er dir erzählt. Ich habe schon viel gesehen.“ Ihr Blick fiel jetzt auf Mina, die nur hinter ihr stand und immer wieder zum Fenster sehen musste. „Charles Lyell hat das Alter der Erde in unbegreifliche Höhen korrigiert, hast du das gewusst? Ich auch.“ Sie lächelte flüchtig und wurde sofort wieder ernst. „Aber du, Kind, überraschst mich wirklich in vielen Hinsichten. Das hab ich noch nicht erlebt.“
Der Trotz war in Luises Gesicht zurückgekehrt. „Was hast du eigentlich damit zu tun? Wer bist du überhaupt? Trittst hier auf, als hättest du Ahnung, und woher?“

Dawn straffte die Schultern. „Weißt du, es gibt unter uns fast so etwas wie Freundschaften und Jade dort oben und ich, wir waren einmal ganz gut befreundet, wenn wir es hier einmal so nennen wollen, bis er auf diese bescheuerten Ideen gekommen ist. Die Erste, die so auf ihn hereinfällt, bist du nämlich wirklich nicht.“
Mina fiel ein, was Emma gefunden hatte. Zwei Fälle in Berwick-upon-Tweed und einer in Leipzig. Dawn und Mr Harrington waren auf ihn aufmerksam geworden und verfolgten ihn. Es war auch gut möglich, dass andere Vorfälle so lang zurücklagen, dass es einfach keine Berichte davon gab.
„Aber dir soll ich glauben?“ Luise warf ihren Rucksack zu Boden.
„Ja“, antwortete Dawn schlicht. „Ich bin es schließlich nicht, die gegen eine Regel nach der anderen verstößt. Und wenn Jade den Mumm hätte, hier herunter zu kommen, würde er dir das ebenfalls sagen.“ Sie klang dabei, als wäre das mehr an ihn gerichtet? Konnte er vielleicht wirklich etwas hören? Mina hatte keine Ahnung, wie die Sinne eines Sensenmanns im Menschenkörper funktionierten.
Doch selbst wenn er es hörte, er zeigte keine Reaktion, sondern stand da weiterhin nur. Mina war sich unsicher, ob sie wollte, dass er herunter kam. Was würde dann wohl geschehen? Dawn sah nicht aus, als würde sie es bei Worten belassen.

Schweigen.
Das Gesicht am Fenster verschwand.
Mina erwartete, dass er gleich vor ihr stand, doch nichts dergleichen geschah, nur das entfernte Geräusch eines Automotors kam auf und näherte sich. Dawn zog einen Mundwinkel nach oben und sah ein bisschen wahnsinnig aus. Mina und Luise schauten nur die Straße entlang, bis ein alter Mercedes auftauchte, das Auto von Mr Harrington, und genau neben Mina hielt.

Luise wandte sich ab, als er ausstieg. Noch mehr Einmischung gefiel ihr sicher nicht, aber vielleicht konnte er sie zur Vernunft bringen. Für einen Augenblick überlegte Mina, ob es vielleicht klug gewesen wäre, zu Mariams Vater zu gehen und ihm um Hilfe zu bitten. Doch nun war es zu spät und auch er hätte ihr mit Sicherheit kein Wort geglaubt.
„Ist er hier?“, fragte er und sein Blick lag auf Luise.

„Ist er“, antwortete eine sanfte Stimme, die bewirkte, dass Minas Nackenhaare sich aufstellten. Es war die Stimme eines Gentlemans und Mina konnte sich plötzlich gut vorstellen, wie er Luise eingelullt hatte.
Er stand da vor der Haustür, plötzlich, obwohl Mina sich sicher war, dass sie die Tür gehört hätten, wäre sie geöffnet worden. Seine Statur war das Gegenteil von Dawns, groß und hager, Pullover und Hosen sahen aus, als wären sie ihm zu groß.
Vor ihm hatte Mina sofort Angst.
„Nicht mehr lang“, sagte Dawn. „Deine Strafe erwartet dich, Jade, und sie wird unangenehm nach all dem, was du angestellt hast.“
Sein Gesicht zeigte keine Gefühlsregung. „Vorher. Vorher will ich sie.“ Sein Finger, mit dem er auf Luise zeigte, war lang und dünn, kam der Vorstellung der Knochenhand unangenehm nahe. Die ganze Sanftheit war aus seiner Stimme gewichen, nur Kälte war übrig, die machte, dass Mina sich am liebsten hinter ihrem Lehrer versteckt hätte, bis es vorbei war. Doch sie rührte sich nicht.
Luises Augen weiteten sich und die blanke Furcht stand in ihnen.
Dann rannte sie.