Kapitel 13 – Hinter den Kulissen

Luise war am Freitag nicht zum Unterricht gekommen und niemand hatte es ihr übel genommen. Die Lehrer hatten gedacht, es wäre wegen ihres Stiefvaters und im weitesten Sinne entsprach das der Wahrheit. Am Nachmittag zuvor war nach Jades Verschwinden alles über sie hereingebrochen und Mr Harrington war bei ihr geblieben, um sich mit ihr zu unterhalten.

Am liebsten wäre Mina ebenfalls daheim geblieben, in der letzten Nacht hatte sie kaum geschlafen, die Schreie hatten sie nicht losgelassen, Bilder, die sie sich nicht erklären konnte, weil sie nichts gesehen hatte. Doch sie hatte keine Ausrede finden können, die ihr Vater akzeptiert hätte, also hatte sie sich zur Schule geschleppt und war irgendwie durch den Tag gekommen, vor allem dank des Tees, den sie in der Lateinstunde wie immer getrunken hatten.

Am Nachmittag hatte Dawn sie zum Italiener unter dem Rathaus eingeladen. Sie bestellten Tee und Apfelkuchen und schauten wieder dem Bronzekopf zu, während die Uhr zur vollen Stunde schlug.
„Es tut mir wirklich unsäglich leid, ich hätte dich wirklich lieber aus der ganzen Sachen raus gehalten“, sagte sie und drehte ihre Teetasse auf dem Unterteller.
„Das ist in Ordnung, mir ist doch nichts passiert.“ Mina lächelte. „Und ich hab mich ja auch selbst ganz schön reingehängt, ich hätte auch einfach ignorieren können, was mit Luise los war.“ Am Abend zuvor hatte sie sich sogar schon überlegt, was dann wohl geschehen wäre. Vielleicht hätte es länger gedauert, bis sie Jade gefunden hätten.
Dawn erwiderte das Lächeln ernst. „Es war sehr gut, dass du dich nicht herausgehalten hast, Mina. Ich finde trotzdem, dass solche Dinge nichts für kleine Menschenmädchen sind. Und wie du aussiehst, bist du auch nicht völlig unbeschadet davongekommen.“
Mina blieb nichts weiter übrig als zu nicken. Doch die Herbstluft, der Tee und der frische, noch etwas warme Kuchen halfen ihr sehr. Abgesehen davon sah auch Dawn noch überaus lädiert aus, noch blasser als sonst, Kratzer im Gesicht, beide Hände verbunden.
„Besser als Luise …“, murmelte Mina in ihre Teetasse. „Aber es hätte mit uns beiden schlimmer ausgehen können.“
„Es bringt immer Ärger, wenn Sensenmänner unter den Menschen wandeln“, sagte Dawn langsam. „Darum verschwinde ich wieder, es gibt ja auch nichts mich für mich zu tun.“
Mina richtete sich in ihrem Stuhl auf. Diese Ankündigung überraschte sie aus irgendeinem Grund, auch wenn sie sich hätte denken können, dass Dawn als das, was sie war, ihre Zeit normalerweise nicht unter den Menschen verbrachte. Auf jeden Fall war sie froh, dass sie ihr offenbar wichtig genug war, sich auch von ihr zu verabschieden. „Wirklich? Dabei habe ich doch noch einige Fragen an dich. Wie du zu Mr Harrington gekommen bist, was du ansonsten schon alles erlebt hast, die ganze Geschichte über euch Totengötter.“
Jetzt lächelte Dawn ehrlich amüsiert. „Mina, ich fürchte, das ist wirklich keine gute Idee. Es gäbe viel zu erzählen, ja, sehr viel, aber es ist nicht gut, wenn Menschen zu viel davon wissen, wie es hinter den Kulissen läuft. Schon gar nicht in deinem Alter, du bist ja noch fast ein Kind. Irgendwann, wenn wir uns wiedersehen, falls du dann überhaupt noch willst.“
Da hatte sie recht, wie Mina zugeben musste, auch wenn sie die Bezeichnung nicht sonderlich gefiel. Doch von einer wie Dawn wirkte das angebrachter als etwa von ihrem Vater, auch wenn der ebenfalls schon etwas älter war als die Väter der meisten ihrer Klassenkameraden.

„Diese Fragen sind immerhin besser als die, wann du stirbst, denn kein Mensch sollte den Zeitpunkt seines Todes kennen. Und ich kann deine Neugierde verstehen“, ließ Dawn sie wissen. „Als ich vor langer, langer Zeit zum ersten Mal unter Menschen war, war ich ebenfalls endlos wissbegierig. Euch über all die Zeit beobachten ist eine Sache, doch alles erleben, das ist wieder etwas völlig Anderes.“
Ein Moment der Stille trat ein, in dem Dawn in Erinnerungen zu schwelgen schien. Mina versuchte währenddessen, sich vorzustellen, wie es wohl war, wenn man sich daran gewöhnen musste, ein gänzlich anderes Wesen zu sein, und scheiterte dabei.

„Ich würde gern wissen … was mit Jade passiert ist“, sagte Mina, nachdem Dawn einen Schluck Tee getrunken hatte. Am liebsten würde sie alles gern wissen, was zwischen den beiden geschehen war, doch hinterher wahrscheinlich nicht mehr.
Gerade hatte Dawn noch die Gabel im Mund. „Ich hab dir gesagt, es gibt Möglichkeiten, einen Sensenmann zu vernichten. Damit ist er nicht ganz aus der Welt getilgt, nichts und niemand ist je ganz aus der Welt getilgt. Er ist also schon an einem Ort, aber es ist wirklich kein sehr schöner Ort, es ist nicht schön, an diesen Ort zu gehen und von dort kommt man niemals wieder zurück.“ Da war sie wieder, ihre schnelle Art zu sprechen. Diesmal wirkte es, als wollte sie die Worte nur loswerden. Sie hatte gesagt, sie wäre einmal auf eine Art und Weise mit ihm befreundet gewesen. Auch für sie war es vielleicht nicht einfach, ihm so etwas anzutun.
Noch immer hatte Mina keinen blassen Schimmer von den Moralvorstellungen und Denkweisen von Todesgöttern. Und änderten die sich dadurch, unter Menschen zu sein? So oder so klang es grauenhaft. Doch wenn er – auch noch mehrfach – gegen diese oberste Regel verstoßen hatte, war es vielleicht genau, was er verdient hatte.

Einen Augenblick schwieg sie. „Außerdem würde ich gern …“
Dawn unterbrach sie mit einem Kopfschütteln. „Nein, Mädchen. Unzählige vor dir haben mich und andere danach gefragt, aber über eines kannst du dir sicher sein: Das möchtest du nicht sehen.“

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