Die Bedeutung dieser Worte

„Ist hier noch frei?“, fragt er und als ich aufblicke und ihm zunicke, trägt er dieses Lächeln, das die Leute einfach tragen, ohne dass es ihnen schwer fällt. Ich lächle auch, weil sich das gehört, glaube aber nicht, dass er das mitbekommt.

Bevor ich mich wieder meinem Buch zuwende, sehe ich, dass noch so einige Plätze um mich herum frei sind. Trotzdem hat er sich neben mich gesetzt und ich wundere mich darüber. Aber wahrscheinlich ist das albern, weil er sich mit Sicherheit keine Gedanken gemacht hat. Für die meisten Leute ist es wohl belanglos, neben wem sie für ein paar Stationen im Zug sitzen.

Mich interessiert es im Regelfall auch nicht, denn ich habe ja mein Buch und kann meine Umgebung für die nächsten drei Stationen einfach ausblenden.

Doch er lässt mich nicht.

„Was liest du denn da Schönes?“, fragt er. Diese Frage habe ich gleichzeitig sehnsüchtig erwartet und mich vor ihr gefürchtet. Ja, ich möchte es alle Leute wissen lassen, aber ich möchte nicht, dass mich jemand fragt, weil ich dann antworten muss.

Ich halte das Buch einfach so, dass er den Titel sieht, Entführungsehe, und merke, wie ich rot werde. Übertrieben, natürlich, aber allein dass er mich das gefragt hat, ist Stress für mich. Mit gehobenen Brauen nickt er und ich lehne mich gegen das Fenster, während ich weiter lese. Hoffend, dass ich jetzt meine Ruhe habe.

„Gefällt’s dir?“, fragt er.

Ich nicke. „Es ist unhöflich, Leute beim Lesen zu stören“, sage ich und schaue ihn an. Im nächsten Moment frage ich mich, wie ich dazu komme. Wir mir das so einfach heraus rutschen kann. Normalerweise kann ich im Buchladen nicht einmal nach etwas fragen, was ich suche, ohne dass mir ein Kloß im Hals steckt. Und nun? Nun sehe ich ihn mir etwas genauer an. Seine Haare sind dunkel und für einen Mann ganz schön lang. In solchen Dingen bin ich schlecht, aber ich glaube, dass er Mitte zwanzig ist, somit gute zehn Jahre älter als ich. Seine Augen sind braun und in der rechten Iris ist ein dunkler Fleck.

Er lächelt entschuldigend und ich versuche, weiterzulesen.

Natürlich lässt er mich auch dieses Mal nicht.

„Es war der Herzog und die Prinzessin stirbt“, sagt er, kaum dass ich mit der Seite fertig bin.

 

Langsam ziehe ich mein Lesezeichen aus der Umschlagseite, lege es an die richtige Stelle und klappe das Buch endgültig zu. Das hat keinen Sinn mehr, ich sehe es schon. Er will sich unbedingt mit mir unterhalten, warum auch immer. Vielleicht gibt er bald auf, wenn er merkt, dass das zu nichts führt.

„Ich weiß. Ich les das grad zum zweiten Mal, weil ich gestern den Film gesehen hab, auch zum zweiten Mal. Und selbst, ohne das Buch zu kennen, hätte ich gewusst, dass entweder der König oder seine Tochter sterben, als ich gesehen habe, von wem der König gespielt wird.“ Warum erzähle ich ihm das? Warum rede ich so viel und warum nicht so schnell wie normalerweise, wenn ich mich gezwungenermaßen mit völlig Fremden unterhalten muss? Warum ist es mit ihm so einfach? Wegen dieses Lächelns, das nun aus unerfindlichen Gründen zum Grinsen geworden ist?

„Dann gefällt es dir wirklich“, sagt er. Aber warum interessiert ihn das? „Dann weißt du ja schon alles.“

„Trotzdem ist es verdammt unhöflich, fremde Leute zu spoilern.“

Er winkt ab. „Ich weiß und es tut mit leid. Aber irgendwie hab ich mir gedacht, dass du es schon kennst, sonst hättest du beim Lesen bestimmt anders ausgesehen.“

Wenn er zuvor nicht bemerkt hat, wie ich rot geworden bin, dann muss es ihm jetzt auffallen. Damit hat er nämlich völlig recht, wenn ich etwas lese, dann passiert es mir immerzu, dass ich die Mimik der Charaktere nachahme, so mitgerissen bin ich. Hier kann das ganz schön peinlich sein, darum bin ich um jeden froh, der mich nicht beachtet.

Es stört mich nicht so sehr wie gedacht, dass er sich mit mir unterhält, nur ist da nach wie vor die Frage nach dem Wieso.

„Wie ist das zweite Mal so?“, fragt er und sein Grinsen hat sich ein bisschen verändert.

Es bringt mich auch zum Grinsen, mit jedem Moment wundere ich mich mehr über mich selbst. „Es ist cool, vor allem sehe ich jetzt schon viel früher Anzeichen für Dinge, die später passieren. Wenn du verstehst.“

Er nickt und das freut mich so sehr, wie es mich überrascht. Die wenigsten Leute, mit denen ich mich über Bücher unterhalte – das sind an sich schon sehr wenige – verstehen das auf Anhieb. „Es ist wie ein gewebtes Muster, in dem eins zum anderen führt mit etlichen Ausläufern und Verweisen und Details, in denen man sich verlieren kann, wenn man möchte.“

Mir klappt beinah der Mund auf, so genau hat er das, was ich immer gespürt, aber nie habe greifen können, in Worte gefasst. Aber ich will ihn nicht anstarren, das ist uns sicher beiden unangenehm, darum will ich den Moment etwas auflockern.

„Und ich sehe, was der Film alles verändert hat“, sage ich etwas zu hastig.

Er lacht. „In der Tat, aber hier hält sich das schon in Grenzen, da sind andere Buchverfilmungen derselben Autorin schlimmer – ist das signiert?“

Im ersten Moment weiß ich gar nicht, was er meint, dann fällt mir auf, dass ich, ohne es zu merken, die Umschlagseite geöffnet habe. Für Emma, steht da und darunter die Unterschrift der Autorin.

Schon wieder werde ich rot. „Jaah, sie ist bei meinen Großeltern zur Schule gegangen und mein Opa hat dieses Exemplar ergattert, ich hab es zum Geburtstag bekommen.“

„Die Welt ist klein“, ist alles, was er sagt, und ich bin froh darüber, dass er mich nicht fragt, ob ich die gute Frau kenne. So ist es nämlich nicht, sie hat sich nur an meinen Opa erinnert, als er sie angeschrieben hat. Das ist mir auch ganz lieb, es reicht schon, dass er und Oma alle Lehrer im Umkreis kennen und auf der Straße an keinem vorbei gehen, ohne ein Schwätzchen zu halten.

„Ja, es ist näher am Buch als Zwischenwelt zum Beispiel.“ Ich schlage das Buch wieder zu und schiebe es in meine Tasche, nur zur Sicherheit. Bevor ich es noch auf der letzten Seite aufschlage und er sieht, was ich dorthin geschrieben habe. „Trotzdem hab ich mich an der einen oder anderen Stelle gefragt, ob die Filmemacher das Buch ganz gelesen haben. Und jetzt, wo ich es lese, habe ich zwischendurch eben diese Aha-Momente und an andere Stellen konnte ich mich gar nicht mehr genau erinnern.“ Ich komme mir nur noch ein kleines bisschen komisch vor dafür, dass ich ihm das einfach sage. Bisher ist das etwas Privates für mich gewesen, dieses Gefühl, wenn ich ein Buch lese. Vielleicht, weil ich bisher niemanden gehabt habe, der mich darin versteht. Soll das nun einfach jemand sein, den ich im Zug treffe? Für einen kurzen Moment komme ich mir vor wie in einer dieser Geschichten, in der eine Begegnung im Zug das ganze Leben des Protagonisten verändert. Dabei ist das albern. Sobald einer von uns aussteigt, wird es wieder genau wie vorher, nur dass ich ein paar Dinge losgeworden bin, die außer mir und offenbar ihm niemanden interessieren.

 

Er nickt langsam. „So ging es mir auch beim zweiten Mal lesen, eigentlich bei allen Büchern. Aber bei diesem hier, und das ist seltener, habe ich mir eigentlich gewünscht, es nochmal zum ersten Mal lesen zu können.“

Schon wieder starre ich ihn an und komme mir dämlich vor. Aber schon wieder hat er etwas ausgesprochen, das ich mir die ganze Zeit gedacht aber für albern befunden habe. „Das wünsche ich mir auch manchmal, vor allem dieses Gefühl, wenn man langsam in die Welt und die Gedanken der Charaktere eintaucht.“

„Auch wenn man sich beim zweiten Mal sofort wie zuhause fühlt“, ergänzt er und nickt. „Aber es ist eben nicht mehr dasselbe.“

„Und man kann es sich nicht einmal mehr so richtig in Erinnerung rufen.“ Ich bekomme Gänsehaut und weiß nicht genau, warum. Wegen des Gefühls, über das wir sprechen? Oder wegen der Tatsache, dass es mit ihm so einfach ist – obwohl ich nicht einmal seinen Namen kenne?

„Manche Dinge kommen eben nicht zurück“, sagt er und hebt die Schultern. „Aber dafür bekommt man andere. Man kann sich auf Dinge im Buch konzentrieren, die einem zuvor vielleicht gar nicht aufgefallen sind. Auf das Dahinter, diese Details und Verzweigungen, von denen wir es hatten. Man kann bewusst auf verschiedene Aspekte achten.“

„Und auch nach Jahren entdeckt man Neues.“ Ich denke dabei an Harry Potter, wo mir auch nach all den Jahren noch immer Dinge auffallen, die ich nie bemerkt habe.

Er nickt und wir schweigen einen Moment. Ich sehe aus dem Fenster und bemerke, dass wir schon beinah an meiner Station sind. Irgendwie finde ich das schade, weil ich den einzigen Menschen, mit dem ich wirklich darüber sprechen kann, nicht so schnell wieder aus den Augen verlieren möchte. Doch ihn nach seiner Nummer oder seinem Namen zu fragen, das traue ich mir auch nicht. Ganz sicher würde das komisch wirken.

Er grinst und seine Lippen bewegen sich, allerdings sehe ich ihn nur von der Seite und erkenne nicht, was er nicht ausspricht. „So eine bist du“, sagt er.

„So eine was?“, frage ich und bin nicht zufrieden, als er abwinkt.

„Schon gut, nicht so wichtig. Aber weißt du, es bringt nichts, ewig dem Alten nachzulaufen und zu hoffen, dass es zurückkommt. Wir können hoffen, dass das Gefühl eines Tages doch wieder da ist, wir können uns aber auch einfach ein neues Buch nehmen und es einfach erleben.“

Ich kann nichts darauf sagen und nur hoffen, dass er mein Schweigen als das sieht, was es ist: Zustimmung ohne jeden Widerspruch.

Wir schweigen, bis der Schaffner in breitestem Thüringer Dialekt den Bahnhof ankündigt, an dem ich aussteigen muss. Ich verschnüre meinen Rucksack und nehme ihn auf den Schoß, um meinem Sitznachbarn zu verdeutlichen, dass er mich bitte vorbei lassen soll.

„Willst du aus dem fahrenden Zug springen, oder was?“, fragt er. Ja, es dauert noch ein paar Minuten, bis wir tatsächlich da sind, aber ich bin lieber früher an der Tür, um ihn nicht zu hetzen und selbst nicht mitten im Gedränge zu landen.

„Nein, nur …“ Es ist mir peinlich, ihm das zu sagen und anstatt den Satz zu beenden, lächle ich nur schief.

Er denkt sich wohl nichts dabei. „Keine Sorge, ich muss da auch raus.“

„Ach, was.“ Das verwundert mich schon, weil das ein ziemlich kleiner Bahnhof in einer kleinen Stadt ist. Aber eben doch mit viertausend Einwohnern und selbst wenn er hier wohnt, heißt das nicht, dass ich ihn kennen müsste. Selbst die Leute aus meinem Dorf sind mir weitgehend unbekannt. Ich komme nicht besonders oft nach draußen und wenn, dann gehe ich auch mal einen Umweg, nur um niemandem zu begegnen.

„Ja, ich wohne oben am Park, das letzte Haus auf der linken Seite, wenn du am Café abbiegst.“

Auf Anhieb sagt mir das gar nichts, aber dann gehe ich die Strecke in meinem Kopf durch.

 

Der Zug wird langsamer, gleich sind wir wirklich da. Mein Nachbar steht auf und ich sehe, dass er ein T-Shirt mit Metallica-Aufdruck trägt unter seiner Lederjacke. Ich trage meins heute auch, aber das kann er hinter dem Buch unmöglich gesehen haben, auch wenn das vielleicht erklärt, warum er sich neben mich gesetzt hat. Wenn er überhaupt einen Grund gehabt hat.

Mittlerweile ist es mir egal, ich freue mich so oder so darüber. So sehr, dass ich ihm wie selbstverständlich nachgehe, auch wenn er den Ausgang nimmt, der weiter von meinem Platz entfernt ist. Und obwohl sich meine Klasse schon langsam auf dem Bahnsteig sammelt, bleibe ich bei ihm stehen.

Warum sollte ich auch zu denen gehen wollen? Außer Frau Fischer würde mich von denen niemand vermissen, wenn ich jetzt einfach nicht mit zurück zur Schule gehe.

Nicht, dass ich das vorhätte.

Nur möchte ich versuchen, dieses Gefühl der Leichtheit noch ein bisschen zu bewahren, bevor wieder alles beim Alten ist und somit wieder schwer wird.