ein Wagnis

Ihr war klar gewesen, dass man ihr im ersten Jahr nicht nur wegen der noch ausbaufähigen Programmierkenntnisse noch keine überbordend anspruchsvollen Aufgaben geben würde. Doch es freute sie sehr, dass auch die EDV auf der Liste der Abteilungen stand, die sie im Laufe ihrer Ausbildung durchlief. Doch etwas Spannenderes, als neue Telefonanlagen in den Büros anzuschließen, hatte sie sich schon vorgestellt.

Nachdem sie mit der aktuellen Fuhre fertig war, wollte sie sich etwas Zeit lassen, bevor sie neue holte. Also ließ sie Niklas, mit dem sie zusammen unterwegs war, mit dem Wagen den Fahrstuhl nehmen und ging allein die Treppe hinunter.

Zwischen dem dritten und vierten Stock hielt sie inne. Durch die großen Fenster konnte man vom Hochhaus aus direkt in den Plenarsaal schauen, in dem gerade die erste Sitzung des neuen Jahrs stattfand. Liebend gern wäre Romy jetzt dort, doch wegen der Telefone war sie gerade heute unentbehrlich. Überall im Haus wurde sie per Lautsprecher in die Büros übertragen, doch es war nicht dasselbe. Zumal auch noch ihr Vater gerade am Rednerpult stand.

 

Oben im vierten Stock wurde eine Bürotür geöffnet, Absatzschuhschritte waren zu hören und der Lautsprecher war laut genug.

„… einen bestimmten Grund, warum Sie in der Opposition sitzen und nicht regieren“, hörte sie ihn sagen, etwas zeitversetzt zu den Bewegungen, die er dort unten machte. Sie kannte jedes Wort so gut wie auswendig, sah diese Gesten, keine davon zufällig, nicht zum ersten Mal. Seit zwei Wochen hatte er allabendlich geübt, anfangs hatte sie heimlich hinter der Tür gesessen, später hatte er sie dazugebeten, um sich eine Meinung einzuholen. Doch es war etwas ganz Anderes, wenn er diese Rede jetzt vor dem ganzen Landtag hielt.

Romy setzte sich, um ihm so lang zuzuhören, bis die Bürotür geschlossen wurde. Sie war so unendlich froh, hier gelandet zu sein, und wenn es nur in der Verwaltung war. So lang sie sich erinnern konnte, hatte ihr Vater hierher gehört. Noch zur Kindergartenzeit war sie ihn besuchen gekommen, so oft es gegangen war. Freitags hatten ihr Bruder und sie ihn oft zur Mittagszeit besucht, zusammen gegessen und sich später noch die Zeit im Büro vertrieben, um ihn ins Wochenende zu begleiten. Auch heute hatte sie das vor. Und irgendwann, irgendwann wollte auch sie dort unten sitzen, als Abgeordnete.

„Sie mögen mehr Stimmen erhalten haben als jede einzelne andere Partei“, sagte er und kostete jede Silbe aus, „aber nicht genug, um eine alleinige Mehrheit zu bilden. Und das bedeutet, dass mehr Menschen in diesem Land gegen Sie gestimmt haben als für Sie. Sie waren sich dabei nicht einig darüber, was sie wollen. Durchaus einig waren sie sich allerdings darüber, was sie nicht wollten, und zwar von Ihnen regiert zu werden.“

Er setzte eine Pause, damit die Zuhörer applaudieren konnten. Und wie sie das taten! Die meisten waren nicht zu sehen, und aus dem Lautsprecher tönte neben dem Klatschen auch ein Raunen. (Applaus DIE LINKE, Bündnis 90/Die Grünen, SPD, CDU; Unruhe DNV) würde später im Protokoll stehen.

Die Absatzschuhschritte kehrten zurück und die Bürotür wurde geschlossen, die Stimme ihres Vaters, die von den Dingen sprach, die R2G schon auf den Weg gebracht hatte, verstummten. In ihrem Kopf klangen sie jedoch weiter, weswegen sie noch eine Weile sitzen blieb, um ihm mit Gänsehaut und Stolz zuzuschauen.

 

Sie fand es mutig von ihm, viele dieser Dinge auszusprechen, die ihm wichtig waren und für die er sich einsetzte. Die Dinge, die sich gegen alles richteten, wofür die DNV stand. Im Wahljahr waren einige Dinge geschehen, die allen klargemacht hatten, dass sich etwas ändern musste. Die bisherige Landesregierung aus CDU und FDP hatte vollends versagt. Darum hatten sich auch Romy und ihr Vater einen Umbruch gewünscht, doch damit nicht gemeint, dass ausgerechnet die DNV mit ihrer Hetze und den historisch als übel bewiesenen Methoden und Ansichten die meisten Stimmen erhalten würde. Doch keine der anderen Parteien hatten sich bereit erklärt, mit ihnen zu koalieren. Grüne, LINKE und SPD hingegen hatten zusammen eine Regierung bilden können und damit zwei absolute Neuheiten in der gesamten Republik zur selben Zeit vollbracht. Viel Zeit war noch nicht vergangen, doch bisher lief es gut.

Zumindest offiziell, denn selbstverständlich waren nicht alle damit zufrieden. Vor allem die Demonstrationen der Rechten, die jeden Donnerstagabend dem Vorsitzenden der DNV hinterherliefen und die nie ohne Ausschreitungen vonstatten gingen, erregten immer wieder große Aufmerksamkeit. Nicht bekannt war den meisten allerdings, dass bei Romys Vater als einem der offensten Gegner dieser Fraktion wiederholt Morddrohungen in verschiedenster Form eingegangen waren. Eine Patrone, auf der sein Name eingraviert war, hatten sie ihm geschickt. Ihren Zwilling haben wir noch, hatte auf einem beiliegenden Zettel gestanden. Er hatte das nicht ernst genommen. Die Leute sollten nicht denken, er würde vor diesen Menschen den Schwanz einziehen, sagte er immer.

Romy konnte nicht verhindern, dass sie sich Sorgen um ihn machte. Doch er tat genau das Richtige. Sie durften nicht gewinnen, erst recht nicht mit solchen Methoden.

 

Romy wartete höflich, während ihr Vater sich noch mit den Fraktionskollegen unterhielt, scherzte, Hände schüttelte. Es war ihr nicht direkt unangenehm, mit ihm hier gesehen zu werden, warum sollte sie sich auch schämen, doch sie hatte leicht das Gefühl, sich in etwas einzumischen, das sie nichts anging. Abseits von den Mitarbeitern ihres Vaters kannte sie keinen der anderen besonders gut. Auch wenn sie sich interessierte und informierte, kam sie sich immer ein bisschen dumm vor, wenn man sich hier über die großen Dinge unterhielt, die untersucht und entschieden gehörten.

Als ihr Vater sich schließlich von allen verabschiedet hatte und zu ihr kam, konnte sie ihn in den Arm nehmen. „Du hast es drauf“, flüsterte sie grinsend und schmiegte sich an ihn.

„Das kannst du nur sagen, weil du nicht dabei warst“, erwiderte er lachend.

„Aber ich hab dich gesehen.“ Sie erzählte ihm von ihrer kleinen Pause auf der Treppe. „Ich glaube, das mach ich ab jetzt öfter. Mit Popcorn, das darf man ja im Plenarsaal nicht.“

Ihr Vater lachte und grüßte die Wachleute, bevor er auf den Türöffner drückte und sie nach draußen in die Januarkälte traten. Zum Glück hatte sein Mantel große Taschen, in die sie ihre Hände ebenfalls schieben konnte.

„Das wäre ja auch unerträglich da unten, wenn es aus den Zuschauerrängen nach Popcorn duften würde.“

„Dann bekommen eben alle welches“, schlug sie vor und lehnte sich an ihn.

„Und wenn einem der Redner vorn nicht passt, kann man schmeißen?“, ergänzte er.

Die bloße Vorstellung davon, wie das Plenum endgültig zum Zirkus würde, nachdem man sich zeitweise schon aufführte wie im Kindergarten, amüsierte Romy so sehr, dass sie sich vor Lachen im Gehen krümmte, so unangenehm es auch war. „Ich wüsste ja di…“ Dazu, diesen Satz zu beenden, kam sie allerdings nicht mehr, denn etwas setzte ihre Schulter aus dem Inneren heraus in Brand. Ihre Hand verkrampfte sich um die ihres Vaters und sie merkte, wie ihre Beine einknickten.

Zuletzt sah sie die Panik in seinen Augen.

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