Gwens Gutenachtgeschichte

Gwens Zehen berührten die kalten Küchenfliesen, während der Rest ihrer Füße weich und warm auf dem Flurteppich stand. Halb verborgen im Schatten beobachtete sie ihren Vater, der im Licht der Dunstabzugshaube das Geschirr spülte.

Sie befand sich auf dünnem Eis. Konnte sie etwas stibitzen, ohne von ihm erwischt zu werden? Ihre Chancen standen schlecht, das Klatschen ihrer nackten Füße auf dem harten Untergrund würde sie verraten. Für Socken war es zu warm. Doch was sollte sie tun? Ihn um etwas Salz zu bitten, würde nur zu Fragen führen, die sie nicht beantworten wollte. Kommentare darüber, dass sie schon elf und damit zu alt für solche Spinnereien war, wollte sie sich ersparen.

 

„Ich habe dich schon vor geraumer Zeit entdeckt, junge Dame.“ Ihr Vater klang nicht ernsthaft böse, was sie erleichterte, und hielt nicht einmal in seiner Arbeit inne. „Was kann ich denn für dich tun?“

„Ich wollte dir helfen“, antwortete Gwen, ohne darüber nachzudenken. Es war nicht nur eine Ausrede. Wie ihn da so sah, nach einem langen Arbeitstag mit hochgekrempelten Ärmeln im Abwaschwasser wühlend und wie sich zu beiden Seiten das Geschirr stapelte, würde sie ihm sehr gern helfen. Doch er wartete damit absichtlich, bis sie alle im Bett waren. Die kurze Zeit, die sie abends alle gemeinsam hatten, bevor Gwens Mutter und das Baby schlafen gingen, sollten sie nicht mit Arbeit verbringen, sagte er.

„Das ist lieb von dir, aber ich bin gleich fertig und du gehörst ins Bett. Du sollst nicht in der Schule einschlafen, weil du die halbe Nacht mit Hausarbeit verbracht hast.“

Gwen huschte ins Licht und stützte die Hände auf eine Stuhllehne. „Aber ich kann gerade eh nicht einschlafen.“

Ihr Vater seufzte theatralisch. „Dann nimm dir noch ein Glas Milch. Und einen Keks.“ Wahrscheinlich dachte er, dass sie nur hergekommen war, um einen abzugreifen. Grinsend griff sie nach der Keksdose und dachte nicht daran, seine Vermutung zu widerlegen.

„Und dürfte ich wohl auch eine Tasse Salz haben?“ Wo sie jetzt einmal entdeckt war, konnte sie auch direkt sein. Ihre Gründe würde sie ihm aber nach wie vor nicht verraten.

Endlich ließ er von der Arbeit ab und wandte sich ihr zu. „Züchtest du in deinem Zimmer Ziegen, ohne dass wir davon wissen oder wofür brauchst du Salz?“ Er nahm das Handtuch an, das sie ihm reichte, und trocknete sich die Hände.

„Für ein Eksperimend“, antwortete sie schnell, den halben Keks noch im Mund, und fürchtete, dass es zu schnell war und er Verdacht schöpfen würde.

Doch ihr Vater legte das Handtuch zur Seite und hatte sich schon wieder dem Schrank zugewandt, aus dem er einen Becher und die Salzdose holte. Als er voll war, stellte er ihn vor Gwen auf den Tisch.

In der Zwischenzeit hatte sie ein Glas Milch getrunken und auch selbst schnell abgespült. Sie wollte ihm nach der Schlafenszeit nicht noch mehr Arbeit machen als nötig.

„Soll ich meiner großen Tochter auch noch eine Gutenachtgeschichte vorlesen?“, fragte er mit einem Lächeln und wischte ihr Kekskrümel von den Mundwinkeln.

Sie schüttelte den Kopf und umarmte ihn, bevor sie die Salztasse nahm und wieder auf den Flur huschte. „Das mach ich schon selbst.“

„Aber mach nicht mehr zu lang“, hörte sie ihn sagen, bevor sie ihre Zimmertür schloss. „Morgen früh um sechs ist die Nacht alle.“

 

Gwen lehnte sich von innen an die Tür und schaute sich im Zimmer um. Das einzige Licht kam von ihrer Schreibtischlampe und ließ die Möbel und herumstehenden Spielsachen groteske Schatten an die Wände werfen. Das Windspiel am gegen die Wärme weit geöffneten Fenster regte sich in der Brise.

Eine bloße Tasse Salz reichte nicht für alles, was sie sich vorgenommen hatte. Doch sie musste das Beste aus dem machen, was sie hatte. Immerhin standen drei Seiten ihres Bettes an der Wand, da es sich in einer Nische neben dem in die Wand eingelassenen Kleiderschrank befand. Also blieb nach der dünnen Linie davor noch etwas übrig.

Der siebenzackige Stern, den sie in einem der Bücher ihrer Mutter gesehen hatte und den sie nun auf ihrem Nachttisch nachzeichnen wollte, gelang ihr auch beim dritten Anlauf nicht. Irgendeine Linie zog sie immer wieder falsch. Zwar wusste sie nicht, ob er überhaupt etwas brachte, doch schaden konnte es wohl auch nicht.

„Soll ich dir helfen?“

Mit der Handkante wischte Gwen das Salz wieder in die Tasse, bevor sie sich umdrehte. Auf dem Schreibtischstuhl saß Dawn, die Finger hinter dem Kopf verschränkt und die Beine übereinander geschlagen. Sie trug wie immer graue Hosen und ein graues Hemd. Obwohl sie das Licht im Rücken hatte, leuchteten ihre kiwigrünen Augen wie aus sich selbst heraus.

„Würdest du auch mehr tun als einen Salzstern streuen?“

Dawns Grinsen wurde so breit, dass ihre Zähne sichtbar wurden und es jagte Gwen einen Schauer über den Rücken. „Wenn du mich brauchst, sag die zwei kleinen Worte und ich werde dir helfen.“

„Ich hoffe nicht, dass es so weit kommt“, murmelte Gwen mit auf die Tasse gesenktem Blick.

„Ich hoffe es auch.“ Dawns Ton war nicht zu entnehmen, ob sie es auch so meinte. „Aber lass dir sagen, ein Pentagramm reicht auch.“

Pentagramme konnte Gwen, die malte sie manchmal auf ihre Löschblätter, wenn sie zu früh mit einer Aufgabe fertig war. Die Zacken waren zwar nicht völlig ebenmäßig, aber es war wohl in Ordnung. Als sie aufschaute, um Dawn eine gute Nacht zu wünschen, war ihr Schreibtischstuhl leer. Er drehte sich nur noch langsam.

 

Während sie sich die Kissen richtete und die Plüschtiere am Rand ihres Bettes neu aufreihte, konnte Gwen nicht anders, als immer wieder Blicke auf die Salzlinie am Boden zu werfen. Immer fand sie sie unverändert vor.

Die Schreibtischlampe brannte noch und als Gwen sie ausschaltete, ging im selben Moment die Lampe auf dem Nachttisch an. Sie wollte Dawn dafür danken, doch sie war nicht da. Niemand war da, aber Gwen hätte schwören können, dass die Salzlinie etwas kürzer geworden war. Ein Haken in der Spur zeigte in Richtung Bett.

Das sollte so nicht sein.

Sie redete sich ein, dass sie das selbst mit dem Fuß beim Aufstehen gewesen war, und machte einen extragroßen Storchenschritt zurück aufs Bett.

 

Es war noch nicht zu spät zum Lesen. Ein Kapitel am Abend hatten ihre Eltern ihr erlaubt und daran hielt sie sich auch, so gut sie konnte. Nur manchmal, wenn ein Buch dem Ende zuging und so richtig spannend wurde, las sie so lang, bis ihre Augen brannten und ihr Vater hereinkam, weil er das Licht unter der Tür gesehen hatte.

Heute scheiterte sie schon daran, sich ein Buch auszusuchen. Auf dem Nachttisch lag ein Stapel angefangener Bücher, daneben auf dem Boden einer mit ausgelesenen.

So recht konnte sie sich gerade nicht entscheiden, worauf sie Lust hatte. Aus der Bibliothek geliehen war auch keines, sie hatte also für alle unbegrenzt Zeit. Das machte die Wahl nicht einfacher.

Darum saß sie sichere fünf Minuten da, starrte einfach auf den Stapel und spürte, wie beim monotonen Ticken der Wanduhr die Müdigkeit langsam stärker wurde.

 

Damit war es vorbei, als sich langsam tastend eine warzige, dreifingrige Hand samt gestreiftem Arm mit einzelnen bürstenkurzen grünen Fellbüscheln am Nachttisch hinauf und suchend auf der Platte bewegte. Dabei erwischte sie den Knopf der Nachttischlampe und im Zimmer wurde es duster.

Als Gwens Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten, erkannte sie, dass die Hand das Salzpentagramm aufwischte und unter das Bett zurückgezogen wurde. Einen Moment war sie noch wie gelähmt, dann klang die aufgekommene Gänsehaut wieder ab. Als sie die Lampe wieder einschaltete, waren nur noch einige Krümel übrig.

„Hallo?“, fragte sie halblaut und beugte sich nach unten. Ihr Kopf wurde warm, als das Blut hineinströmte und sie musste sich wieder aufsetzen, ohne dass sie etwas Nennenswertes erkannt hatte.

„Dawn?“, flüsterte sie, doch der Schreibtischstuhl blieb leer.

Die Hand kam zurück und die Finger wischten durch die Salzlinie.

Gwen tippte sie an, bevor sie sich zurückziehen konnten. Offenbar erschreckte das die Hand oder denjenigen, dem sie gehörte, denn sie zuckte aufwärts und stieß gegen den hölzernen Rahmen. Darauf folgte ein gequältes Jaulen von unter dem Bett.

„Entschuldigung“, sagte Gwen vorsichtig. „Ich wollte Sie nicht erschrecken. Tut es sehr weh?“

Sie erhielt keine Antwort. Einen Moment später kam die Hand jedoch wieder. Die Fingerknöchel glänzten feucht. Eine zweite Hand erschien daneben und der Besitzer zog sich am Teppich unter dem Bett hervor. Sie sah einen breiten Rücken mit einer doppelten Zackenreihe wie bei einem Stegosaurus. Überall hatte er diese Fellbüschel, wodurch er ein bisschen aussah wie eine Katze, die zu viel gerauft hatte. Aufgerichtet reichte es beinahe bis zur Decke.

 

„Normalerweise läuft das anders herum“, sagte das Monster von unter ihrem Bett mit tiefer, krächzender Stimme. Es drehte sich um und sie erkannte das Gesicht zwischen zwei großen Hängeohren. Die Augen waren klein und stechend gelb, seine Nase war lang und sah aus wie mehrfach gebrochen. Der lippenlose Mund war breit und nach oben wie nach unten ragten lange, spitze Zähne, die Gwen an einen Anglerfisch erinnerten. Die Fellbüschel am Kopf und den Unterkiefern waren länger als die anderen. Gwen fand, es sah krank aus.

„Normalerweise würdest du jetzt auch wimmernd unter deiner Decke hocken und nach deinen Eltern schreien.“ Mit einem krallenartigen Fingernagel kratzte es sich am Kopf.

„Es tut mir wirklich leid, wenn ich Ihnen den Auftritt vermasselt hab. Kann ich das wiedergutmachen?“

Das Monster sah sie irritiert an. Sein Blick glitt zum Boden. Wortlos hockte es sich hin, sammelte das Salz auf und leckte es sich von den Handflächen. „Warum hast du Salz gestreut?“

„Ich dachte, das hält Sie auf“, antwortete Gwen und konnte nichts dagegen tun, dass es nach einer Entschuldigung klang.

Das Monster lachte und es klang wie lauter gescheiterte Versuche, einen Rasenmähermotor zu starten.

Gwen hielt sich einen Finger vor den Mund. „Leise! Wenn mein Vater Sie hört, kriegen wir beide Ärger.“ Im selben Moment fragte sie sich, ob sein Vater das Monster überhaupt hören und sehen konnte. Dawn war für ihre Eltern unsichtbar und sie hörten sie auch nicht. Nur das Baby wurde immer unruhig, wenn sie im Raum war.

Das Monster winkte ab. „Mach dir darum mal keine Sorgen. Und ich weiß nicht, woher du es nimmst, aber Salz hält uns nicht auf, wir sind keine Dämonen. Im Gegenteil, wir ernähren uns davon. Normalerweise von den Chips- und Salzstangenresten, darum denken manche Kinder, wir wollten sie fressen, während wir nur ihre Hände ablecken. Aber du bist anscheinend ein braves Kind.“

Gwen wurde rot. Sie würde sich selbst nicht als brav bezeichnen, aber davon konnte das Monster natürlich nichts wissen. „Ich mag Chips nicht so sehr, aber ich hab Schokomäuse in der Schublade, wenn Sie möchten?“ Sie hatte sich schon zum Nachttisch hinübergelehnt, aber das Monster wich einen Schritt zurück.

„Bloß nicht!“ Abwehrend hob es die Hände.

 

Gwen hob die Schultern. „In Ordnung, dann nicht. Aber sagen Sie, ist es nicht sehr eng dort unter meinem Bett?“ Wie sie das Monster da so stehen sah, wunderte sie sich, wie es überhaupt darunter gepasst hatte.

Es winkte ab. „Ich kann meine Größe beliebig verändern. Aber es ist gut, mal wieder ein bisschen Platz zu haben.“ Es streckte sich demonstrativ.

„Dann wollen Sie vielleicht noch etwas bleiben? Ich wollte noch ein Kapitel lesen, bevor ich schlafen gehe. Wenn Sie wollen, lese ich Ihnen vor.“

Das Monster blickte sie skeptisch an.

„Ich fange auch ein neues Buch an, sonst wissen Sie ja überhaupt nicht, worum es geht.“ In der Schublade über der Tüte mit den Schokomäusen lag ein Beutel mit den beiden Büchern, die ihr Vater ihr aus der Stadt mitgebracht hatte. „Wir haben hier einmal einen Krimi mit einem Geisterhaus und …“ Sie las die Kurzbeschreibung des anderen. „In dem hier geht es um Zombiefahrräder. Alle, die in der Stadt zurückgelassen oder in den See geworfen wurden, kommen zurück.“ Ihr hatte vor Wochen einmal das Cover gefallen und ihr Vater hatte es ihr nach der Eins in der Klassenarbeit gekauft. Eigentlich hatte sie sich vorgenommen, erst wieder ein neues Buch anzufangen, wenn sie ein anderes beendet hatte, aber unter diesen Umständen ging es in Ordnung.

„Geisterhäuser sind langweilig. Aber Zombiefahrräder klingt gut.“ Das Monster ließ sich neben sie aufs Bett fallen, was dazu führte, dass sie ein bisschen hüpfte.

 

Also begann Gwen, dem Monster unter dem Bett von den Zombiefahrrädern vorzulesen. Natürlich war das erste Kapitel noch nicht besonders spektakulär. Es ging nur um ein paar Kinder, die nach Sonnenuntergang verbotenerweise noch unterwegs waren und Blödsinn anstellten. Doch man merkte, in welche Richtung es gehen sollte.

Zwischendurch schaute sie auf und sah Dawn auf dem Schreibtischstuhl sitzen und grinsen. Gwen war kurz davor, zu fragen, ob sie sich auch dazusetzen wollte, aber sicher wollte sie das nicht und auf dem Bett war gerade genug Platz für das Monster. Als sie wieder aufsah, war Dawn weg.

 

Irgendwann im Laufe der letzten paar Seiten des Kapitels hatte das Monster einen Arm um Gwen gelegt. Die Härchen pieksten sie und sie hatte Gänsehaut. Ob die von der Berührung oder dem Buch kam, wusste sie allerdings nicht.

„Kannst du nicht gleich weiterlesen?“, fragte das Monster.

Gwen schüttelte lächelnd den Kopf. „Ich muss schlafen, morgen früh ist Schule.“ Während der letzten Seiten hatte sie sich kaum mehr konzentrieren können. Wahrscheinlich würde sie am nächsten Tag das letzte Stück noch einmal lesen, um den Anschluss zu haben.

Dem Buch lag ein Lesezeichen bei, das wie ein Gepäckträger aussah, zwischen den man die Seite klemmen konnte. Auch wenn sie es eigentlich nicht brauchte, legte sie es ein, einfach weil es hübsch war.

Das Monster stand auf und wirkte, als sei ihm unwohl. „Hast du vielleicht noch mehr Salz?“

Gwen legte das Buch weg und nahm die Tasse vom Nachttisch. Der Boden war gerade noch bedeckt. „Nur das hier. Aber Sie dürfen gern morgen wiederkommen.“ Irgendwie musste sie aber anders an Salz kommen, sonst wüsste sie nicht, wie sie ihrem Vater das erklären sollte. Ein Teil ihres Taschengelds ließ sich dafür aber aufwenden.

Das Monster nahm ihr die Tasse aus der Hand und leckte sie aus. Am Morgen würde Gwen sie abwaschen müssen, aber das hatte sie ohnehin vorgehabt. Was passieren würde, wenn Salzreste in den Morgenkaffee ihres Vaters geraten würden, wollte sie sich überhaupt nicht ausmalen.

„Und es ist wirklich kein Problem …“

„Wirklich nicht“, bestätigte Gwen. „Und wenn Sie möchten, können Sie auch die Jungsstimmen mitlesen.“ Sie hatte es versucht, aber im Stimmeverstellen war sie nie gut gewesen und die tieferen Stimmen verursachten ihr auf Dauer Halsschmerzen. Bevor sie doch noch auf die Idee kam, Dawn um Hilfe zu bitten und ein weiteres gruseliges Grinsen zu ernten, löste sie das lieber so.

Vorsichtig stellte das Monster die Tasse wieder auf den Nachttisch. „Gern. Also … Gute Nacht.“

„Gute Nacht.“ Gwen schaltete das Licht aus.

Kurz waren noch zwei leuchtend gelbe Pünktchen zu sehen, dann war das Monster verschwunden.