15 Am Ende

Der zufriedene Ausdruck in Jajas Gesicht steht im Kontrast dazu, wie unbeholfen Emma sich dabei fühlt, sie über die Tanzfläche zu führen. Obwohl Frau Hartung ihr am Wochenende – wenn auch widerwillig – bei der Auffrischung der Grundlagen geholfen hat, ist sie mit einer Hirnhälfte immer bei ihren Füßen und kann sich gar nicht so sehr auf ihre Partnerin konzentrieren, wie sie gern würde. Den ganzen Abend hat es nur Jaja gegeben, Jaja in ihrem dunkelblauen Kleid, der dazu passenden Schleife im Haar und den Schuhen, die sie bis auf eine halbe Kopfhöhe an Emma heranbringen. Sie macht Emma den vollen Saal vergessen, dessen Erwartung ihr die Vorfreude auf diesen Abend getrübt hat.

Als das Lied vorbei ist, zieht Jaja sie an den Händen von der Tanzfläche hinüber in die Nähe des Buffets. Grinsend schlingt sie Emma die Arme um den Hals und drückt ihr hinter diesem Sichtschutz den Nasenrücken gegen die Schulter. „Es ist kaum zu fassen“, nuschelt sie. „Mir ist, als hätten wir heute Morgen noch vor den Prüfungen gezittert und jetzt ist alles vorbei.“

Es geht gerade erst los“, erwidert Emma und verschränkt die Finger hinter Jajas Rücken. „Am Montag sitzen wir im Auto.“ Nach Rom würde es gehen, aber nicht direkt. Spätestens für Innsbruck haben sie sich einen Zwischenhalt vorgenommen. Wahrscheinlich würden sie aber schon eine Weile in München bleiben. Für die ganze Dauer der Reise – und bis zum Ende des Sommers gibt es nichts, was sie verpassen könnten – wird sie Jaja nur für sich haben.

Doch vorher ist da noch etwas, das sie erledigen muss.

Den Zettel mit Frau Fischers Adresse steckt Emma in die Brusttasche ihres Sakkos, als sie aus der stickigen Hitze des Saals hinaus in die laue Juninacht tritt. Sie hat nur nach Frau Hartung gefragt und sofort den Auftrag bekommen, sich aus Rom zu melden. Frau Fischer kann man schlecht etwas abschlagen. Von ihr wirkt das auch überhaupt nicht seltsam, im Gegenteil.

Steht draußen und pafft“, hat er Spaeth auf ihre Frage geantwortet. Zum Glück spart er sich den Kommentar zum Küssen, den er immer gebracht hat, wenn die Mädchen von der Raucherecke zurückgekommen sind. Dieses Mal hätte Emma sich vielleicht nicht verkneifen können, zu sagen: Darum hab ich nie damit angefangen.

Abseits der rauchenden Schülergrüppchen auf der Terrasse steht Frau Hartung am Fuß der Treppe, die Hände in den Taschen. Von einer Zigarette gibt es keine Spur mehr, doch als Emma bei ihr ankommt, kann sie es zwischen den Fliederbüschen noch riechen. Vor einer ganzen Weile jedoch hat sie beschlossen, dass es sie nicht interessiert. In Emmas Beisein hat sie nie geraucht, nicht einmal auf ihrem Balkon, wo sie jedes Recht dazu gehabt hat.

Sie schaut an Emma vorbei, bis die sie erreicht hat. „Wo ist Jacqueline?“

Drin geblieben. Unterhält sich mit den anderen.“ Emma legt eine Hand auf Frau Hartungs Rücken, traut sich kaum, sie zu berühren, und lotst sie um die nächste Ecke, sodass die Terrasse hinter den Büschen verschwindet. Am Geländer einer Plattform, von der aus man über die Ententeiche blicken kann, bleiben sie stehen.

Die Worte, die Emma sich den ganzen Morgen lang für diesen Augenblick zurechtgelegt hat, haben sich in Nebel aufgelöst, der jetzt ihren Kopf füllt. Tränen steigen ihr in die Augen, viel zu früh, an der völlig falschen Stelle. Sie hat sich eigentlich vorgenommen, niemals vor Frau Hartung zu weinen.

Du siehst gut aus.“ Ihre Mühe, dem Moment die Spannung zu nehmen, ist deutlich aus diesen Worten herauszuhören. Doch gerade von ihr haben sie für Emma die gegenteilige Wirkung. Sie sind nicht alltäglich und werden es nie sein. Von einer Frau wie ihr, bei der keine Ellenbogenfalte falsch liegt, bedeuten sie sogar noch mehr als von Jaja, die durch einen Container Putzlappen tauchen könnte und hinterher umwerfend aussähe. Sie machen deutlich, wie wenig Emma gerade hier sein möchte.

Sie sehen aus wie immer“, erwidert Emma mit belegter Stimme. Es ist das Wahrste und zugleich Dümmste, was sie in diesem Augenblick hätte sagen können. Absolut faszinierend. Wie ein Kunstwerk, von dem man seinen Blick nie wieder nehmen möchte. Auf den Punkt. Doch Anzug, Lidstrich und Lippenstift trägt sie an jedem Tag, egal ob in der Schule oder am Wochenende, selbst auf der matschigen Wiese beim Downhill im letzten Sommer, und genau das trägt sie heute. Emma ist froh darüber. Frau Hartung im Kleid hätte sie wahrscheinlich vollkommen aus dem Konzept gebracht, das passt nicht zusammen.

Zum Glück versteht Frau Hartung das Kompliment auch und lächelt. Normalerweise sagen sie solche Dinge überhaupt nicht. Aber heute, zur letzten Gelegenheit, kann man das wohl tun.

Wenn Sie wüssten, wie gern ich jetzt mit Ihnen nach drinnen ginge, um Sie zum Tanz aufzufordern.“

Emma wartet, aber der Satz bleibt für sich zwischen ihnen hängen. Fast so lang, dass Emma sich nicht sicher ist, ob sie ihn wirklich ausgesprochen hat.

Frau Hartung steht nur auf das Geländer gestützt da und schaut Emma an. Vielleicht versucht sie, herauszufinden, ob das ernst gemeint ist. Ist es. Dass sie es nicht tun kann, wissen sie aber auch beide. Sie haben das Wochenende gehabt, damit müssen sie wohl zufrieden sein. Das Glück herauszufordern, ist keine gute Idee. Das ganze Jahr über ist es auch nicht sonderlich schwer gewesen. Zurückhaltung und sich nichts anmerken lassen, das hat Emma schon vorher lange geübt. Frau Hartung ihrerseits sieht man niemals irgendetwas an.

Entschuldigend lächelnd schiebt Emma ihre Hand in Frau Hartungs dunkle Locken und zieht ihren Kopf sanft zu sich heran. Im Wissen, dass es das letzte Mal ist, vielleicht für immer, nimmt Emma sich vor, auch diesen Kuss für immer zu behalten, das Gefühl von ihren Händen auf dem Rücken, ihre Hüften, die Emmas berühren, nur vielleicht nicht die Tränen, die ihr jetzt doch über die Wangen laufen. Sie kommt sich kitschig vor, dabei wollten sie das nie sein.

Frau Hartung hält sie weiter fest, auch nachdem sie sich voneinander gelöst haben. Sie streichelt durch Emmas Haare. „Ich hoffe du weißt, welchen weiten Weg du gekommen bist. Du hast Jacqueline gefragt, ob sie dich heute Abend begleitet, und sie hat ja gesagt. Denk daran, wenn ihr unterwegs seid.“

Emma nickt nur stumm. Es ist seltsam, ausgerechnet mit Frau Hartung darüber zu sprechen, was aus ihr und Jaja werden soll. Aber sie hat sich immer alles angehört, alles über Jaja und auch alles, was wohl ungesagt über Herrn Spaeth mitgeklungen ist. Nach der unüberwindbar erscheinenden Anfangshürde ist alles so einfach gewesen. Jaja nimmt viele Dinge hin und lässt andere Dinge verschwinden, aber Frau Hartung, so kommt es Emma vor, versteht das alles.

Und vielleicht schreibst du auch.“

Emma richtet sich auf, um Frau Hartung in die Augen zu sehen. „Es ist doch langweilig, wenn Sie wissen, von wem und von wo die Karte kommt.“