10 Der einzig denkbare Ort

Bisher hatte Emma gedacht, dass diese sich endlos schnurgerade ziehenden, von Buchen und klassischen zweiköpfigen Laternen gesäumten Straßen mit den Gründerzeithäusern nur in Filmen und Serien existierten. Niemals hätte sie damit gerechnet, dass es in der Stadt ein ganzes Wohnviertel dieses Stils gab, ein Netz, das sich etwas abseits der Altstadt nur denen erschloss, die hier Familie oder Bekannte hatten. Mit der Straßenbahn war sie so oft daran vorbeigefahren, ohne ihrer Umgebung Aufmerksamkeit zu schenken.
Dabei hätte es sich durchaus gelohnt. So homogen das Straßenbild auch von fern wirkte, aus der Nähe ließen sich die Unterschiede in der Fassadengestaltung erkennen. Zu einer günstigeren Gelegenheit hätte sie sich auf den Bordstein gesetzt und gezeichnet, was sie vor Augen hatte.
Es war ein Sommerabend, wie sie ihn in einer Stadt mit fünfzehntausend Einwohnern nie erwartet hätte. Ruhig. Mit einer ganz eigenen Atmosphäre. Nur aus der Ferne war das Verkehrsrauschen zu hören, vermochte nicht, das Vogelgezwitscher zu übertönen. Surrealer hätte es nur durch jazzige Hintergrundmusik werden können.

Was sie bekam, waren eine zuschlagende Autotür und Schritte auf den Gehwegplatten, die neben ihr verstummten. Frau Hartung legte ihre eine Hand auf den Rücken und lotste sie sanft zum Eingang eines sandfarbenen Hauses, dessen Fenster mit Lorbeerkränzen und Trauben verziert waren. Zwischen den Stockwerken verlief ein Absatz aus dunkelbraunen Steinen.
Das Treppenhaus war kühl im Vergleich zu draußen, wo es wohl auch über Nacht nicht kälter als zwanzig Grad würden. Es war leer, kein Fahrrad, kein Kinderwagen, keine Mülltonnen. In dem Block, in dem Jaja wohnte, musste man meist Slalom laufen, um die Treppe überhaupt zu erreichen. Dort gab es allerdings einen Aufzug, hier nicht.
Von Stockwerk zu Stockwerk kamen sie an identischen Holztüren mit Milchglasfenstern vorbei, die nur anhand der Messingnamensschilder auseinanderzuhalten waren. Überall roch es nach vielen unterschiedlichen Menschen, die sich täglich hier aufhielten, in jeder Etage etwas anders.
Frau Hartung ging ohne Eile voraus, streckte wie beiläufig eine Hand nach hinten aus, die Emma dankbar ergriff. Es war albern, doch durch diese Berührung kam sie sich nicht mehr gar so fehl am Platze vor. Mehrfamilienhäuser hatten bisher etwas Seltsames für sie gehabt, der Gedanke, dass man sich mit wildfremden Leuten Wände teilte. Keine eigene Waschküche zu haben, sondern dafür in den Keller gehen zu müssen, den die anderen ebenso benutzten. Ein Grundstück, das sich auf einen kaum erwähnenswerten Grünstreifen um das Haus herum beschränkte. Doch Frau Hartung gehörte genau hierher. Unwillkürlich hatte Emma sich in den vergangenen Wochen wiederholt gefragt, wie sie wohl wohnte. In einem Neubaublock wäre sie undenkbar.
Im vierten Stock, wo die Dachschräge bereits begann, ließ sie Emma los, um die Wohnungstür aufzuschließen. Im Hineingehen streifte sie Schuhe und Feinsöckchen ab und stellte sie auf einen Teppich zu den anderen. Mit einer stummen Geste bedeutete sie Emma, dasselbe zu tun, während sie den Flur verließ. Dass sie dabei barfuss ging, kam Emma aus irgendeinem Grund seltsam vor. Ihr hatte sie solch eine sorglos anmutende Handlung nicht zugetraut.

So leise sie konnte, schloss Emma die Tür und ließ die Reisetasche von ihrer Schulter gleiten. Die Jacke, auf der ihre Mutter trotz des warmen Wetters bestanden hatte, legte sie darauf, bevor sie sich die Schuhe auszog und sich umsah. Überrascht war sie kaum von dem, was sie sah. Ein schlicht eingerichteter Flur, ein Ort, an dem man sich nicht länger aufhielt, als man musste. Da war der Läufer mit den Schuhen, darunter kein einziges flaches Paar. Eine Garderobe mit dünnen Jacken und ein hüfthohes Schränkchen, auf dem ein Telefon stand, um das herum Zettel und Briefumschläge lagen. Ein Spiegel an der Wand, in dem sie aussah wie ein Tier, das man in ein neues Gehege gesetzt hatte. Tief durchatmend straffte sie die Schultern und setzte auch den Rucksack ab. Warum war sie so nervös?
„Möchtest du einen Tee?“ Frau Hartung stand im Türrahmen, jetzt ohne Sakko, nur in einer kurzärmligen längsgestreiften Bluse.
Sehr gern, wollte Emma sagen, doch sie brachte kein Wort heraus. Was war los? Hatte sie sich nicht den ganzen Tag nach diesem Moment gesehnt? Die ganze Woche lang darauf gefreut, endlich hier zu sein, und war es auch nur für eine Nacht? War sie nicht stolz auf sich gewesen, diese Schüchternheit ihr gegenüber endlich losgeworden zu sein? Und doch steckte die Stimme ihr im Halse fest, sie konnte nur nicken.
Ohne Frage nach der Sorte wandte Frau Hartung sich um und verschwand wieder in der Küche. Emma schnappte sich die Träger ihres Rucksacks und folgte ihr.
Gerade deshalb, stellte sie im Stillen fest. Das hier war kein Umkleideraum, in dem man Angst haben muss, dass irgendjemand hereinkommt und einen erwischt. Es war keine Hotelrezeption, wo man arglose Fragen gestellt bekam, die nicht einfach zu beantworten waren. Es war auch nicht das Café, immerhin für Emma gewohntes Terrain, wo Eveline über alles gnädig hinwegsah. Eine Privatwohnung war die intimste Ebene, zu der man jemanden durchdringen lassen konnte.

Im Vorbeigehen zog Frau Hartung einen Stuhl zurück, auf dem Emma Platz nahm, den Rucksack zwischen ihre Beine geklemmt. Das Fenster zeigte die Anhöhe hinunter über die Dächer hinweg bis zur Altstadt hin. Die Wände waren bis auf Augenhöhe gefliest und darüber weiß gestrichen. Wahrscheinlich war die Küche schon beim Einzug hier gewesen, statt eines modernen Keramikherds gab es Gaskochplatten. Es war sauber, keine Krümel, keine Fettspritzer, als würde nach jedem Essen gründlich gereinigt.
An einer Wand zog sich eine Wäscheleine entlang, an der Postkarten hingen. Emma traute sich nicht, genauer hinzusehen, weil es sie nichts anging, doch sie erkannte Strände und Bergpanoramen, Hawaii, die französischen Alpen, die Highlands. Manche hingen auch mit dem Bild zur Wand, auf denen sah man auf den ersten Blick lauter verschiedene Handschriften. Auf einige war etwas gezeichnet worden.
„Wann musst du morgen früh da sein?“ Frau Hartung stellte Emma einen Becher Früchtetee hin, um den sich eine Spirale aus Kringeln in unterschiedlichen Gelb- und Orangetönen wand, und setzte sich mit einem identischen auf eine Ecke des Tischs.
Emma hätte sich nur ein wenig zur Seite neigen müssen, um ihren Oberschenkel zu berühren. Stattdessen lehnte sie sich zurück und zwang sich zu einer bequemeren Sitzposition. Ihr Rucksack rutschte zu Boden. „Der Bus fährt um sechs vom Busbahnhof ab. Gegen Dreiviertel wäre ich gern da. Wenn ich also …“
„Wir sollten halb fünf aufstehen, wenn wir noch ordentlich frühstücken wollen.“ Wie sie das sagte, klang es nicht, als hätte Emma Mitspracherecht in dieser Sache.
Eigentlich hatte sie geplant, sich wegzuschleichen, ohne Frau Hartung zu wecken. „Ich kann auf dem Weg zum Bäcker gehen. Und an der Autobahn sind genug Raststätten, die Frühstück anbieten. Sie müssen doch nicht wegen mir so früh raus. Und das am Wochenende.“
„Wenn ich dich einlade, dann nicht, um morgens wieder im leeren Bett aufzuwachen.“
Zu gern hätte Emma etwas darauf erwidert oder auch nur die fehlende Härte in ihrer Stimme kommentiert. So etwas sagte sie für gewöhnlich nicht. Der Verzicht auf offene verbale Äußerungen der Zuneigung war eine Art stilles Übereinkommen zwischen ihnen. Für Emma war das in Ordnung, Offensichtlichkeiten mussten nicht ausgesprochen werden. Dinge zu leben, war viel schöner, als sie zu sagen. Das hieß allerdings nicht, dass es nicht auch gut tat, so etwas zu hören.
„Ihr habt abends noch ein Spiel, hast du gesagt“, stellte sie fest, als wäre das ein Argument.
„Darum geht es ja so früh los.“ Das Turnier in Berlin begann offiziell um vierzehn Uhr, zuvor wollten sie noch ein wenig trainieren und sich an die Halle gewöhnen. Für sieben war ihr erstes Spiel angesetzt. Dazu kamen noch die Zimmer, die bezogen werden wollten. Die Stadt, die Emma lieb gewonnen hatte, seit ihr Bruder vor zwei Jahren dorthin gezogen war. „Aber nicht zu früh für Frühstück, ich weiß.“
„Vergiss auch nicht, dass ich dich vor dem nächsten Samstag nicht wiedersehen will.“
„Ich werde schon zusehen, dass ich nicht umsonst auf den Urlaub verzichtet hab.“ Nur darum war sie ja hier. Ihre Familie war zum Wandern nach Südtirol gefahren und zu gern wäre sie mitgekommen, doch genau auf diese Woche hatten die Vereinsmeisterschaften fallen müssen. Von zuhause aus wäre sie höchstens mit dem Fahrrad schnell genug gewesen, das sie aber nur ungern für eine ganze Woche in der Stadt lassen wollte. Mit keiner aus der Mannschaft verstand sie sich gut genug, um sie darum zu bitten.
Entsprechend erleichtert war sie gewesen, als Frau Hartung ihr dieses Angebot gemacht hatte. Ihr selbst wäre es niemals über die Lippen gekommen. Leute um etwas bitten gehörte zu den Dingen, die beinahe so schlimm waren wie Telefongespräche.
Damit ließen sie es gut sein, saßen schweigend beieinander und tranken den Tee, der die Umgebung durch die eigene Hitze etwas kühler erscheinen ließ. Gedankenverloren fuhr Emma mit dem Finger über den Rand des Bechers. Langsam gab sich die Nervosität. Sie begann, sich wohlzufühlen.

Das Wohnzimmer war ein großer Raum, der in einen Essbereich mit Tisch für vier Personen und Durchreiche zur Küche und einen Wohnbereich mit einer altmodischen Kirschholzschrankwand voller Biographien. Auf dem Couchtisch stand eine offene Schachtel Pralinen, die den Raum mit Schokoladenduft erfüllten. Auch hier zog sich eine Wäscheleine voller Postkarten durch den Raum. Ein wenig Platz war noch, doch irgendwann würde sie sie weiterführen müssen, falls sie keine alten abnehmen wollte.
Emma lag auf dem großen, hellgrauen Sofa aus Strukturstoff, die Füße unter Frau Hartungs Oberschenkel geschoben. Für mehr Nähe war es trotz der kühlen Luft, die vom Fenster hereinströmte, noch zu warm. Auf ihren Knien lag der Block, ohne den sie niemals aus dem Haus ging. Eigentlich hatte sie sich die Aussicht aus dem Fenster als Motiv vorgenommen. Schließlich war jedoch Frau Hartung auf dem Papier gelandet, lesend, die Füße auf dem Couchtisch, die Haare hinter das Ohr gestrichen, wo sie in der Realität allerdings nicht lange halten wollten.
Zufrieden war sie nicht. Die Dächer der Stadt wären einfacher gewesen, doch sie waren hinter diesem Profil verblasst, hinter dem Winkel, in dem die Brille auf ihrer Nase saß, hinter den gesenkten Lidern und den Mundwinkeln, die sich ganz leicht bewegten, wenn sie – wahrscheinlich halb unbewusst – einen Gesichtsausdruck aus dem Buch nachahmte. All diese Linien, die sie so sehr faszinierten, auf das Blatt zu bekommen, gelang ihr allerdings nicht. Ihnen fehlte die Dynamik, das Leben, sie blieben blass und bedeutungslos. Dass ihr das ausgerechnet hierbei passierte, ärgerte sie.
Zähneknirschend nahm sie sich eine Praline, biss darauf und schob sie mit der Zunge im Mund umher. Sollte sie es noch einmal versuchen? Meist ging es nicht gut, wenn sie sich so kurz nacheinander am gleichen Motiv versuchte. Die Frage war allerdings, ob sie sich an diesem Abend überhaupt auf ein anderes Motiv würde konzentrieren können.
Über den Rand des Blocks hinweg schaute sie Frau Hartung an und drehte den Bleistift langsam in den Fingern. Es war hoffnungslos. Der Gedanke, jemals auch nur einen Ansatz dessen aufs Papier bannen zu können, was diese Frau ausmachte, erschien ihr plötzlich vermessen. Dabei war es ihr zu Anfang so einfach vorgekommen. Es war doch alles da und haperte nur an ihrer Unfähigkeit, das zu übertragen, woran sie sich kaum sattsehen konnte.
Frau Hartung schaute sie wie beiläufig aus dem Augenwinkel an. Prüfend neigte sie den Kopf leicht zur Seite und richtete sich im Sitzen auf. Als Emma nicht wieder zum Zeichnen überging – auch, weil dieser Blick noch immer eine Art Schockstarre auslöste –, legte sie das Buch zur Seite und wandte sich ihr halb zu. „Fertig?“, fragte sie.
Der Bleistift fiel ihr aus der Hand und landete in ihrem Ausschnitt. Dank des Zeichenblocks war nicht genau zu sehen, wie sie ihn hervorfummelte. „Aufgegeben“, gestand sie.
„Aufgegeben“, echote Frau Hartung skeptisch und streckte die Hand aus. „Ich dachte, aufgeben wäre nicht dein Ding.“
Emma errötete. Vielleicht war das nur eine Anspielung auf die blutige Nase, die sie sich beim Sportfest im Jahr zuvor beim Handball geholt hatte. War sie dort gewesen? Hatte sie am Feldrand gestanden? Emma wusste es nicht. Das war die Zeit vor dem Herzflattern gewesen, vor der innerlichen Schockstarre. Wenn ja, warum sollte sie sich daran erinnern? Solche Dinge geschahen ständig. Oder hatte Emma ihr gegenüber von all den anderen kleinen und großen Verletzungen gesprochen, die man sich nun einmal zuzog? Die waren eigentlich ebenfalls nicht nennenswert. Wenn man nicht gewillt war, ein Rennen mit blutigen Knien zum Ende durchzuziehen, hatte man auf dem Mountain Bike nichts verloren. Einiges davon hatte sie aber vielleicht noch im Unterricht gesehen.
„Das ist etwas anderes“, entgegnete sie. „Grobmotorik geht ganz von allein, da hab ich nicht viel beizusteuern. Aber Zeichnen geht nur von allein, wenn man das Motiv im Kopf hat. Nicht vor sich.“
„Du liebst, was du tust. Das eine und das andere.“ Frau Hartung spreizte auffordernd die Finger.
Widerwillig händigte Emma ihr den Block aus und fragte sich, ob sie wusste, dass sie vom geplanten Motiv abgewichen war. Ganz bestimmt hatte sie nie dieses Gefühl erwähnt, sie zeichnen zu müssen. Sie hatte nie davon gesprochen, wie es sie überkam, einen Moment festhalten zu müssen, bevor er sich verflüchtigte. Aber wie sollte sie auch begreiflich machen, dass es manchmal, und ganz besonders, was Frau Hartung betraf, nicht ausreichte, nur hinzusehen?
Die Zeichnung betrachtend, rutschte Frau Hartung noch ein Stück zurück und schob den Fuß, der bis eben auf dem Couchtisch geruht hatte, zwischen Emmas Knöchel. Selbst dabei, bei jedem anderen eine gänzlich legere Geste, wirkte sie nicht völlig entspannt. Es kam Emma vor, als ließe diese Frau sich niemals wirklich gehen. Niemals, außer …

Eine Weile lang herrschte Stille, Frau Hartung ließ den Blick langsam über das Blatt gleiten, blieb hier und da etwas hängen. In diesem Moment war Emma unendlich froh, dass sie keine Kunstlehrerin war, sodass ihr eine Analyse der Technik und des Aufbaus erspart bliebe. Diese Punkte war sie schon längst selbst durchgegangen.
Gleichzeitig überraschte es sie, wie verhältnismäßig wenig unangenehm die Prozedur ihr war. Normalerweise ertrug sie es kaum, im selben Raum zu sein wie Leute, die sich ihre Bilder ansahen. Schon in der sechsten Klasse, als eine Farbüberflutung zwischen anderen aus ihrem Jahrgang im Flur ausgestellt gewesen war, hatte sie diesen Gang gemieden, wo es ging. Jetzt konnte sie hier sitzen und das Herzklopfen auf die Berührung schieben. Durch all die Distanz, die sie für gewöhnlich halten mussten, hatte ein gefahrloser Abend wie dieser noch einmal etwas ganz Außergewöhnliches. Sie war hier, sie würde über Nacht hier bleiben und diese Berührung war weder die erste, noch würde sie die letzte sein.
Dass sie in ihrer Reaktion völlig übertrieb, wusste sie selbst, doch so war es immer gewesen und sie hatte bisher nicht geschafft, das abzustellen. Frau Hartung schien es nicht zu stören.
„Du schmeichelst mir.“ Frau Hartung schaute sie über den Block hinweg an und ein angedeutetes Lächeln lag auf ihren Zügen. „Ich sehe zehn Jahre jünger aus.“
Etwas zu hastig nahm Emma den Block wieder an sich und ließ ihn in ihrem Rucksack verschwinden, der offen neben der Couch stand. „Man bildet die Welt ab, wie man sie sieht“, nuschelte sie und es wäre ihr am liebsten gewesen, überhört zu werden. Auf die kurze Distanz musste sie sich da allerdings gar keine Illusion machen und der Blick, den Frau Hartung ihr zuwarf, zerstörte auch die letzten Fünkchen. „Aber es ist nicht, wie es sein soll“, fuhr sie schnell fort, bevor auch noch ein Kommentar dazu kommen konnte. „Diese Linien lassen sich nicht so einfach einfangen und es ist dem nicht einmal nahe, was …“ Sie traute sich nicht, den Satz zu beenden. Zu schnell geriet sie in Gefahr, eine Grenze zu überschreiten.

Auch ohne die entscheidenden Worte schien Frau Hartung zu verstehen. Langsam nahm sie die Brille von der Nase und legte sie auf den Tisch, ohne hinzuschauen, während sie sich schon zu Emma vorbeugte. Mit den Fingerspitzen strich sie ihr über den Handrücken. Von dort aus breitete sich ein Kribbeln durch ihren Arm bis zum Hals aus. „Vielleicht hilft es dir, mehr tust als nur zu sehen …“
Emma ergriff ihr Handgelenk und richtete sich halb auf, nur um auf Frau Hartungs Schenkel zu rutschen. Noch immer war es nicht nennenswert kühler, doch momentan fiel es ihr nicht schwer, das zu ignorieren. Sie nahm Frau Hartungs Gesicht in die Hände, fuhr mit den Daumen an der schmalen, spitzen Nase entlang zu den Brauen, die immer aussahen, als machte sie ein ernstes Gesicht. Vom Haaransatz aus folgte sie den Locken, bis sie am Unterkiefer angekommen war, der zum leicht kantigen Kinn führte.
So berührten sie sich nicht zum ersten Mal, doch Emma versuchte, diesen Eindruck zu erwecken. All das, diesen ganzen Abend, musste sie sich einprägen und nicht nur im Kopf behalten, wo ohnehin jeder einzelne Moment dieser Art jederzeit abrufbar war, sondern auch in den Fingern, um es bei Bedarf neben sich auf dem leeren Kopfkissen fühlen zu können.
An der Knopfleiste von Emmas Hemd zog Frau Hartung sich nach oben, schob die Hände unter den Kragen und vergrub sie schließlich in Emmas Haaren.
Es war nur ein flüchtiger Kuss, kaum mehr als einander streifende Lippen. Und doch entfaltete er seine volle Wirkung, wie Emma feststellen durfte, wie immer zuverlässig. Ein leises Beben löste er aus, das bis in ihre zitternden Finger reichte, als sie ganz sanft den flachen Lippenbogen nachfuhr. Emma hing an diesen Lippen, in jedem Sinne, ob sie über fachliche Themen referierten oder nur stumm Buchrücken mitlasen.
Gerade verzogen sie sich zu einem Lächeln, was viel zu selten vorkam, wie Emma fand. Linien verschwanden, tauchten an anderer Stelle auf, formierten sich neu. Doch es waren nicht sie allein, die auf Emma diesen Effekt hatten. Es war das Zusammenspiel, das Ganze, das sie ergaben, eingerahmt von tiefschwarzen, krausen Locken.
Sie hörten auch nicht am Kinn auf, sondern setzten sich entlang des schlanken Halses fort, bis sie mit den Schlüsselbeinen zusammentrafen. Dort angekommen, begannen Emmas Hände wie von selbst, die Knöpfe der Bluse zu öffnen.

Frau Hartung war in die Küche gegangen, um noch einen Tee zu kochen, den sie mit nach draußen auf den Balkon vor dem Wohnzimmer nehmen wollten. Emma lag auf der Couch, während das Zittern langsam verging, und starrte an die Decke. Ein kühler Luftzug strich über ihre erhitzte Haut. Draußen wurde es langsam angenehm. Der Himmel war orangerot und durch die offene Glastür wehte der Gesang der Grillen herein.
Dass es ihr ausgerechnet hier so ging, überraschte sie, doch sie war völlig entspannt, als könnten die Sorgen, und wenn es nur die Aufregung wegen des Turniers war, sie hier oben nicht erreichen. Zumindest für diesen einen Abend musste sie sich keine Gedanken machen.
Niemals wäre das bei ihr zuhause möglich. Frau Hartung in Emmas Zimmer, das zeitweise einer Höhle glich, in dem sie ihre ganze Welt auf die zwei mal zwei Meter ihres Bettes verteilen konnte, wenn sie wollte, das war unvorstellbar. Dazu kam, dass immer jemand im Haus war, sie hätten, selbst wenn Emma irgendeine plausible Erklärung für ihre Anwesenheit fände, keine ruhige Minute. Es würde schon schwer genug, in Zukunft öfter hierher zu kommen, da ihre Familie, auch wenn sie achtzehn Jahre alt war, nach wie vor ein Bedürfnis und Anrecht hatten, zu wissen, wo sie sich aufhielt.
Das hatte sie gewusst. Von Anfang an war klar gewesen, dass es nicht einfach sein würde. Und doch hatte sie all das geschehen lassen und teilweise selbst in Gang gesetzt, was dazu führte, dass sie jetzt hier nur in Jeans im Wohnzimmer einer Altbaudachgeschosswohnung lag.

Vom Wohnzimmer führte eine Glastür zu einem kleinen Balkon, der genug Platz für einen Tisch und zwei Korbsessel bot. Emma lehnte auf dem Holzgeländer, das Hemd nachlässig an zwei Knöpfen geschlossen, und genoss die laue Brise. Am fernen Ende der Straße stand eine Schule, im Gegensatz zu dem Plattenbau, den sie allmorgendlich betraten, ein historisches Gebäude aus der Zeit des Herzogtums.
„Ich habe zehn Jahre dort gearbeitet.“ Klirrend wurde ein Tablett auf dem Tisch abgestellt. „Am Anfang hab ich so geschaut wie du gerade.“
Aus unerfindlichen Gründen fühlte Emma sich ertappt, als sie sich umdrehte und Frau Hartung neben dem Tisch stehen sah. Tatsächlich hatte sie sich gerade vorgestellt, wie es wohl wäre, dort zur Schule zu gehen. Ob sie auch hier stünde, wenn sie sich nur auf dem Gehweg begegnet wären, nicht mehr als einer dieser Augenblicke, in denen die Zeit stillzustehen schien, und die dann doch auf ewig verflogen waren.
„Der neue Schulleiter hat ihnen nicht gut getan. Elitäres Gehabe auf allen Seiten und alles, worauf es ankommt, ist, dass der äußere Schein gewahrt wird. Ich bin sehr, sehr froh über meine Versetzung.“ Sie zog sich einen Sessel zurecht und ließ sich hineinfallen. Jetzt, im Licht der schwindenden Sonne, schien die Last des Tages von ihren Schultern verschwunden zu sein. Sie sah aus, wie Emma sich vorhin auf der Couch gefühlt hatte. Sie erlaubte sich sogar ein Lächeln und hob Emma eine Hand entgegen. „Und jetzt komm her und küss mich.“

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