Edens Haus

Edens Haus war sicher, aber nur an den wenigsten Abenden des Jahres ruhig. Lisanne war es gewohnt, seltsame Gesellschaften anzutreffen, wenn sie Eden dabei half, die Gäste zu bewirten. Doch was sich an diesem Abend im Erdgeschoss abspielte, als sie aus ihrem Zimmer kam, verwunderte sie. Sie kannte keinen einzigen der Menschen, die die Tische im Schankraum besetzten.

An einem Tisch saßen drei blonde Frauen und ein Mann im Anzug, rauchten Zigarren und waren ganz in ein Kartenspiel vertieft. Auf der Couch, die etwas abgelegen stand, saßen fünf Mädchen und spielten an der Konsole, wobei zwei sich öfter mit dem Controller abwechselten. Eine rothaarige junge Frau prügelte sich mit einer dunkelhaarigen, die viel größer war als alle Leute, die Lisanne je gesehen hatte. Um die beiden herum saßen und standen Leute, hielten Geldscheine in die Luft und riefen Ratschläge. Es ließ sich nicht ausmachen, wer die Oberhand hatte.

Vor dem Kamin saß ein pelziges Monster in moosgrün und dunkelblau mit einem Buch in der Hand. Es las daraus zu einem Dutzend Kindern und holte hin und wieder eines zu sich auf den Schoß, damit sie eine Zeile mitlesen konnten.

Etwas streifte ihren Fuß und als sie den Blick senkte, schrie sie auf. Eine überdimensionale Kellerassel huschte durch den Raum und es sah aus, als würde eine kleine Gestalt in einem Kleid und mit wehenden Zöpfen auf ihr reiten.

„Halt sie auf, halt sie auf!“, rief eine Stimme und vor Lisanne kam eine Frau mit schwarzem Haar, einem Umhang und mit lauter Narben im Gesicht zum Stehen. Vornübergebeugt atmete sie schwer. „Oh, er wird mich in den Kessel schmeißen, wenn ich das nicht ganz schnell wieder hinkriege“, murmelte sie verzweifelt. „Aber wenn ich Glück hab, hab ich aus dem Glas dann wenigstens eine schöne Aussicht.“ Daraufhin lachte sie trocken und richtete sich wieder auf. „Liebes, falls sie wieder in deine Reichweite kommen, fang sie bitte ein.“

Lisanne fand keine Worte, lächelte die Frau nur gequält und verwirrt an, bevor diese die Verfolgung wieder aufnahm.

Sie hielt nach Eden Ausschau, damit sie wenigstens fragen konnte, warum hier ein solches Chaos herrschte. Doch sie fand nur Reef, die mit einem Glas Whisky an der Bar saß und das Treiben amüsiert musterte. Die Lachfältchen an ihrem Augenwinkel wurden tiefer, als sie Lisanne entdeckte. „Ich weiß nicht mehr als du“, sagte sie grinsend. „Aber Eden meinte, die kommen jetzt öfter. Haben es nicht leicht, sagt sie, und brauchen mal ein bisschen Erholung.“

Skeptisch ließ Lisanne ihren Blick durch den Raum schweifen.

Die Assel krabbelte wieder an ihr vorbei, auf dem Rücken jetzt nur noch eine Plüschfledermaus, die sich mühsam festkrallen konnte. Neben der dunkelhaarigen Frau folgte jetzt auch ein kleines Mädchen im Kleid. Es bekam die Assel zu fassen und drehte sich, sie in ausgestreckten Armen haltend, einmal um sich selbst. „Steve!“, rief es und lachte. „Du entkommst mir nicht, wenn du keine Regale hast, unter denen du dich verstecken kannst!“

Lobend tätschelte die Frau der Kleinen den Kopf und nahm sie an die Hand, führte sie zwischen den Tischen entlang und im großen Bogen um die noch immer raufenden Frauen herum (oder waren es mittlerweile zwei andere) zu dem lesenden Monster.

Erholung.

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