AS II Sorgenschokolade

„Du hast dein Bestes versucht, was willst du denn noch?“, fragt Dawn und sitzt da seelenruhig auf ihrem Bett, fädelt sich die Schnürsenkel ihrer Turnschuhe neu ein. Dabei ist sie sehr sorgfältig, was man ansonsten nur selten von ihr behaupten kann. „Kannst doch eh nichts mehr ändern.“

„Du machst dir doch nicht ernsthaft Sorgen, dass du durchfällst? Selbst ich hab damals bestanden!“, erinnert T.J. uns und grinst Dawn über seine Zeitschrift hinweg an. Er hat sich wahllos eine Zeitschrift von dem Stapel neben Dawns Bett gegriffen und hält nun die Märzausgabe von Total Guitar in Händen, auf dem Titelblatt die Rolling Stones.

Ich schaue die beiden an und ziehe eine Grimasse. Zu gern hätte ich etwas dazu gesagt, dass T.J. nur gerade so bestanden hat, was ihn natürlich nicht interessiert, aber mein Mund ist voller Schokolade. Ich weiß, dass es gerade für mich keine gute Idee ist, eine ganze Schachtel allein zu essen, aber das hilft wenigstens ein bisschen gegen die Aufregung.

 

„Nicht allen sind die Noten so egal wie dir, Mann“, sagt Dawn und ich nicke, weil sie mir damit die Worte aus dem Mund nimmt. Mit einem Schuh ist sie jetzt fertig und stellt ihn neben sich. „Aber an sich hat er recht, Laura. Ich kann mir nicht vorstellen, dass du die Prüfungen so derbe verhauen hast.“

„Ich auch nicht“, stimmt T.J. ihr zu. „Du bist nämlich das intelligenteste kleine Nesthäkchen, das ich kenne.“

Ich werde rot, weil er das nicht in seiner Witzelstimme sagt, sondern ernst meint. Dabei halte ich mich selbst nicht für besonders klug. Zumindest waren meine Noten immer nur Durchschnitt, bis auf Kunst, aber was lässt sich damit anfangen?

„Und du brauchst auch echt keine Angst haben, dass du eins auf den Deckel kriegst, wenn du nicht lauter As hast“, versichert Dawn ihr lächelnd. Prüfend schaut sie von einem Schuh zum anderen, damit sie sich auch ähnlich sehen. „Hab ich ja auch nicht.“

„Deine Mutter weiß auch, dass deine Qualitäten woanders liegen als in deinem Kopf, meine Beste“, sagt T.J. grinsend und stöhnt theatralisch auf, als Dawn ihm den Ellbogen in die Seite rammt.

Sie grinst dabei, weiß ja, dass er es nicht böse meint und damit auch recht hat. Dawn ist nicht dumm, aber sie gibt selbst zu, dass sie auch nicht so intelligent ist wie ihre Freundin Gale oder Nick.

 

„Was hast du denn überhaupt vor?“, fragt Dawn mich und muss den Schnürsenkel wieder ausfädeln, weil sie einen Fehler gemacht hat. Diese Frage hat sie sich wohl bis heute aufgehoben, von ihr hab ich die nämlich wirklich noch nicht gehört. Von meinen Eltern schon und die Lehrer haben uns in den letzten Wochen ständig gefragt.

Ich schlucke meine Schokolade und lecke mir über die Lippen, die ganz süß schmecken. „Ich weiß nicht genau. Irgendetwas bestimmt. Kommt nur drauf an.“ Vielleicht ist es ein schlechtes Zeichen, dass ich kurz vor den Prüfungsergebnissen noch immer nur mit Stammelei auf diese Frage antworten kann. Doch was nutzen mir jetzt schon feste Pläne, die dann doch nur über den Haufen geworfen werden?

Sie lächelt nur und ich senke den Blick auf meine Schokoladenschachtel. Da fehlt schon eine ganze Reihe. Ich kann nicht von meiner Schwester erwarten, dass sie mein Dilemma versteht. Für sie hat immer festgestanden: Du wirst für die Firma arbeiten. Wahrscheinlich wäre das auch ihre persönliche Entscheidung gewesen, hätte unsere Mutter sie nicht darum gebeten.

 

Tatsächlich habe ich ganz verschiedene Pläne. Sicher weiß ich nur, dass ich nicht für die Firma arbeiten möchte, falls es sich irgendwie vermeiden lässt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es hier einen Platz gibt, an dem ich mich wohlfühlen würde. Weder in der offiziellen Sicherheitsabteilung noch in der anderen, die Regierungsgeschäfte betrifft, schon gar nicht da.

Es kommt mir nur darauf an, wie genau meine Noten ausfallen. Falls sie wirklich, wirklich gut sind, möchte ich gern aufs College gehen, am liebsten nach Cambridge. Doch die Wahrscheinlichkeit ist sehr gering, so gut ist mein Gefühl während der Examen nicht gewesen.

Wirkliche Angst davor, durchzufallen, habe ich allerdings auch nicht, für so schlecht halte ich mich nicht. Aber genau daher, dass sich mein Gefühl, was den Verlauf der Prüfungen angeht, schwer fassen lässt, kommt die Angst. Es könnte alles passieren. Nichts lässt sich erahnen.

 

Charlotte, die Frau meines Bruders, hat mir angeboten, im Verlag, bei dem sie arbeitet, ein gutes Wort einzulegen, falls ich Lust habe, mich zu bewerben. Sie arbeitet dort in der Presseabteilung, wo sie immer wieder Auszubildende suchen. Ich überlege, das Angebot anzunehmen und es zu versuchen. Ich könnte ein Praktikum machen, dann sehe ich schon, ob das etwas für mich ist.

Doch von dem her, was sie mir von ihrer Arbeit erzählt, kann ich mir gut vorstellen, da ebenfalls zu arbeiten, jeden Morgen mit ihr in die Stadt zu fahren und ins Büro zu gehen, ein ganz normaler Alltag.

Vielleicht ziehe ich auch mit T.J. zusammen weg, irgendwann, in ein eigenes kleines Haus für uns und unser Kind, wenn wir später eines haben. Diese kleine Familie, das ist auch eine Konstante in all meinen Plänen.

 

Mein Notfallplan, falls die Noten wirklich für nichts reichen, ist, wieder als Kellnerin zu arbeiten, wie letzten Sommer in den Ferien. Die Inhaber haben mir angeboten, dass ich jederzeit wiederkommen kann, wenn ich möchte oder muss. Das ist es wohl auch, was ich demnächst machen möchte, bevor irgendeine Ausbildung beginnt. Bevor ich mich für irgendetwas entscheide.

 

Mein großer Traum ist allerdings ein eigenes Café, ein Ort, an dem die Leute sich treffen können, um nette Nachmittage und Abende zu verbringen. Unter meinem Bett liegt schon ein Ordner mit Ideen und Konzepten. Natürlich ist das eher Schwärmerei, ein Wunschtraum, der nicht einfach zu erfüllen ist. Sicher, das Geld dafür würde Mutter mir ohne zu fragen spendieren, aber ich möchte das allein schaffen, das ist wichtig für mich.

Darum muss ich zuerst arbeiten, irgendetwas, um ein bisschen eigenes Geld zu verdienen.

 

T.J. lässt seine Zeitschrift wieder auf den Stapel fallen und steht auf. „Du musst auch noch gar nicht sicher wissen, wie die nächsten Jahre verlaufen sollen. Das Leben ist wie eine Pralinenschachtel – man weiß nie, was man bekommt“, zitiert er im feierlichsten Ton, kommt mit federnden Schritten zu mir herüber und nimmt sich im Hinsetzen ein Stück Schokolade aus meiner Schachtel. „Eigentlich ist das auch alles nicht so wichtig. Denn du weißt nie, was in zehn, fünf, zwei Jahren sein wird. Und ganz egal, was du tust, ich bin da und du kannst dich immer auf meine Unterstützung verlassen, wenn du sie brauchst oder möchtest.“ Er schiebt sich langsam und grinsend die Schokolade in den Mund. „Na ja, und die deiner Familie halt, weißt schon, das übliche Gefasel.“ Wie beiläufig deutet er mit dem Daumen auf Dawn, die von ihren Schuhen aufschaut und ein Gesicht macht, als würde sie gerade am liebsten einen davon werfen. Ohne zu genau zu zielen, allerdings.

„Das weiß ich doch.“ Ich muss lächeln. Weil er die Dinge so locker sagen und ernst meinen kann, weil er und meine Schwester mich in wirklich jeder Situation aufheitern können. Weil er recht hat, mir stehen alle Wege offen. Nein, ich möchte mich nicht völlig auf die Familie verlassen. Aber wenn mir Hilfe angeboten wird, warum sollte ich sie dann nicht nutzen?

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