Ein Fall in Königsblau

„Da fehlt einer“, stellte Katherine fest. „Noch einer. Gestern war es ja schon einer weniger und heute sind es zwei.“ Sie zählte noch einmal nach. Nein, sie war sich ganz sicher. Vierundzwanzig hatten sie gebacken und nun waren nur noch zweiundzwanzig übrig.

„Was?“, fragte Ingrid lang gezogen und beugte sich über sie. „Tatsächlich! Zwei zu wenig.“

Katherine zog eine Schnute. Wie konnte Ingrid glauben, sie hätte sich verzählt? Sie hatte extra Sechserreihen gebildet, damit es auf den ersten Blick zu sehen war.

Ingrid sah ihr diese Gedanken natürlich an. „Papa sagt, man soll sich immer erst selbst von etwas überzeugen, egal, von wem man es weiß. Aber egal, wir müssen rausfinden, wer das war! Du nicht und ich auch nicht. Aber wer dann?“ Sie schaute zur Decke und tippte sich nachdenklich ans Kinn.

„Ist es so wichtig?“, fragte Katherine. Schon jetzt sah sie kommen, dass Ingrid das alles viel zu ernst nehmen würde. Sie steigerte sich oft in Dinge hinein, die eigentlich unwichtig waren. „Dazu sind sie doch da. Zum Essen.“

„Aber sie waren abgezählt“, entgegnete Ingrid und schaute sie mit diesem strengen Blick an, durch den sie aussah wie ihre Mutter Adelaide. Von der sah man den aber nur ganz selten. „Drei für jeden. Und der, der die beiden gegessen hat, kriegt nur noch einen. Oder es waren zwei, dann kriegt jeder einen weniger. Darum müssen wir den Täter überführen!“

„Und wenn ich einfach meine hergebe?“, schlug Katherine vor.

 

Ingrid schüttelte den Kopf so sehr, dass ihre Rattenschwänze hin und her schwangen. „Auf keinen Fall. Wir haben sie gebacken und da wäre es total ungerecht, wenn jeder von uns nur zwei bekommt.“

Katherine lächelte und wollte sich schon dafür bedanken, dass Ingrid ihr einen abgeben wollte. Aber sie kam nicht zu Wort.

„Außerdem müssen wir verhindern, dass der Täter noch welche nimmt und wir am Ende gar keine mehr haben“, fuhr Ingrid fort und betrachtete die aufgereihten Kekse. „Lass uns Detektiv spielen!“ Sie nahm Katherines Hand und wollte sie vom Tisch wegziehen, aber sie gab nicht nach.

 

„Wir müssen doch erst aufräumen.“ Mit der freien Hand legte sie die Kekse wieder in den großen Krug, den Adelaide getöpfert hatte. Ingrid und Katherine hatten ihn bemalen dürfen und nun konnte man darauf das Familienwappen umgeben von lauter blauen Blumen und ebenso blauen Löwen sehen. Mit viel Fantasie, hatte Asa, der Butler, gesagt. Er war immer ehrlich, darum mochten Ingrids Eltern ihn so.

„Aber“, begann Ingrid, seufzte dann jedoch, anstatt den Satz zu beenden. „Na schön, wir haben eh schon alle Spuren verwischt, als wir gezählt haben.“ Sie war größer als Katherine und konnte darum den vollen Krug an seinen Platz auf dem untersten Regalbrett stellen. „Trotzdem. Komm mit.“

 

Katherine ließ sich bereitwillig die Treppe nach oben ziehen und blieb in der Tür zu ihrem Zimmer stehen. Sie sah Ingrid dabei zu, wie sie die Schubladen durchwühlte, bis sie eine Lupe fand, und einfach alles auf dem Boden liegen ließ. Ihre Mutter würde sicher nicht erfreut sein, wenn sie das sah. Darum nahm Katherine sich vor, so bald wie möglich aufzuräumen. Sie machte das gern und es war ja auch ihr Zimmer.

Vor dem Schrank blieb sie stehen und stemmte die Hände in die Hüften. „Ich brauch mal deine Hilfe.“

Sie wusste genau, was von ihr erwartet wurde. Zum Glück hatte sie ihre weißen Turnschuhe an und musste kein schlechtes Gewissen haben, als sie auf Ingrids verschränkte Hände trat und sich an einem der Einlegeböden nach oben zog. Wenn Adelaide das erst sah!

 

Ganz oben im Schrank lagen die Hüte und Mützen der beiden Mädchen, die sie trugen, wenn sie zum Pferderennen fuhren oder zu irgendwelchen Empfängen der königlichen Familie. Manchmal verkleideten sie sich auch einfach zum Spielen, dafür hatten sie zum Beispiel diesen Bowler und eine karierte Detektivmütze.

„Danke.“ Ingrid klopfte die Mütze ab, als Katherine wieder neben ihr stand, und setzte sie sich auf. „Na, dann, Dr. Crowfield, wo fangen wir an?“

„Das überlasse ich ganz Ihnen, Harrington – so lang du mir keinen Schnurrbart anmalen willst“, fügte sie leise hinzu. Einmal hatte Ingrid das getan, mit einem wasserfesten Stift. Es hatte eine Woche gedauert, bis er wieder ganz verschwunden war, auch wenn Adelaide alles versucht hatte. In dieser Woche war sie wirklich froh darüber gewesen, Hausunterricht zu haben.

„Keine Zeit für Albereien“, sagte Ingrid bestimmt und schnappte sich die Lupe. Sie deutete auf den Schreibtisch. „Du brauchst Block und Stift. Notier dir alle Hinweise. Zuerst müssen wir den Tatort untersuchen. Vielleicht finden wir doch noch etwas.“ Sie ging voraus und Katherine schnappte sich schnell ihren kleinen Schreibblock und einen blauen Buntstift.

 

Die Küche war nicht mehr so leer, wie die beiden Mädchen sie verlassen hatten. Asa stand am Tisch und hatte gerade den Stuhl wieder richtig hingestellt, auf dem Katherine gekniet hatte, als sie die Kekse gezählt hatte.

„Haha!“, rief Ingrid und baute sich breitbeinig vor ihm auf. „Ich wusste es! Der Täter kehrt stets an den Tatort zurück!“

„Der Täter?“, fragte Asa und beobachtete milde lächelnd, wie Ingrid seine Hosenbeine und die Ärmel seines Fracks mit der Lupe untersuchte. Vielleicht suchte sie Krümel, aber Katherine sah, dass der Krug genau so stand, wie sie ihn zurückgelassen hatten.

Katherine trat neben ihn und klappte ihren Block auf. „Jemand hat von den Keksen genascht, die wir gebacken haben.“

„Das kannst du doch nicht so einfach verraten!“ Ingrid ließ die Lupe sinken und schaute sie entgeistert an. „Jetzt kann er sich eine Geschichte überlegen!“

Katherine hielt sich die Hand vor den Mund. Tatsächlich, eigentlich verriet man nicht, was los war, damit man mehr herausbekam. Aber sie konnte sich nicht vorstellen, dass Asa etwas damit zu tun hatte. Gut, das konnte sie sich bei niemandem im Haus. Aber er war der Einzige gewesen, der eingeweiht war. Allein hatten sie sich nicht an den Ofen getraut und es war eine Überraschung für alle. Also hatten sie gewartet, bis sie ungestört gewesen waren. Asa hatte nur aufgepasst und versprochen, nichts zu verraten.

 

Aber auch wenn er als erstes gewusst hatte, dass der Krug nicht leer war, hätte das auch jeder Andere herausfinden können. Katherine war sich ganz sicher, dass er es nicht gewesen war.

Sie schaute zu ihm hoch. „Du würdest niemals lügen, oder? Wenn ich jetzt die Königin anrufe und sie dich fragt, dann lügst du sie auf keinen Fall an.“

Ingrid schnalzte mit der Zunge. „Es ist übertrieben, die Königin wegen ein paar Keksen anzurufen.“ Jetzt sagte sie das, nachdem sie es gewesen war, die diese ganze Sache so ernst genommen hatte. Aber natürlich hatte sie recht, die Königin hatte viele wichtige Dinge zu tun und keine Zeit für solche Kleinigkeiten. Vielleicht, wenn sie für sie auch Kekse gebacken hätten, aber das hatten sie ja nicht.

„Ich würde euch genauso wenig anlügen wie die Königin“, versicherte Asa ihnen lächelnd. Er schien das lustig zu finden, obwohl Ingrid gerade so ernst war. Wenn er der Dieb wäre, wäre er doch bestimmt nervös.

 

„Dann sag mir jetzt: Hast du die Kekse gestohlen oder nicht?“ Ingrid schaute mit zusammengekniffenen Augen und Lippen zu ihm hoch.

„Ich habe die Kekse nicht gestohlen“, antwortete Asa ganz ruhig. „Und leider weiß ich auch nicht, wer es gewesen ist.“ Normalerweise, wenn die Leute logen, waren sie nervös und aufgeregt. Irgendwie sah man es immer, sagte Ingrids Mutter immer, aber Asa war in diesem Moment überhaupt nichts dergleichen anzumerken. Wenigstens seinen Augen hätte sie es angesehen, aber er hielt ihrem Blick eher stand als sie seinem.

„Ich glaube ihm“, antwortete Katherine auf Ingrids fragenden Blick hin.

„Dann glaub ich dir auch.“ Ingrid schaute jetzt hinauf in Asas Gesicht, blickte ihm ernst in die Augen. „Aber dann müssen wir wieder von vorn anfangen.“ Sie sah ein bisschen hilflos aus, aber auch Katherine wusste nicht, wie sie weitermachen sollten.

„Brauchen die Damen mich noch?“, fragte Asa lächelnd. „Ich habe nämlich noch einige Dinge zu tun, bis Bessy zurück ist.“ Er schob sich an Ingrid vorbei, rückte die Stühle alle gerade und verschwand. Trotz der knarrenden Dielen im Flur hörte man ihn nicht mehr, sobald er den Raum verlassen hatte.

 

„Bessy!“, rief Katherine. Das war der Hinweis, wo sie weiterermitteln konnten! Hatte Asa das mit Absicht gesagt, um ihnen zu helfen?

Ingrid verstand offenbar im selben Moment, denn ihre Augen wurden groß. „Natürlich!“ Sie schnippte mit den Fingern. „Bessy! Das Küchenmädchen, natürlich! Sie hatte jede Gelegenheit. Bestimmt hat sie beim Aufräumen bemerkt, dass der Krug nicht leer war.“

„Aber würde sie das tun?“ Katherine fand Bessy nett, sie war ziemlich schüchtern und hatte sich oft vor Katherine erschreckt, als die noch neu im Haus gewesen war. Sie kam ja auch nicht wie Ingrid die Treppe heruntergepoltert wie eine Horde Nashörner. Dass jemand wie sie heimlich Kekse stibitzte, fand Katherine nur schwer vorstellbar.

„Du kannst es dir bei niemandem vorstellen. Aber irgendjemand hier muss es getan haben“, stellte Ingrid fest und Katherine wusste freilich, dass sie recht hatte. „Ich glaube auch nicht, dass sie sich so etwas trauen würde, aber wir müssen auf Nummer sicher gehen und sie fragen. Diesmal überlässt du mir das Reden und verplapperst dich nicht, verstanden?“

 

Da Bessy beim Einkaufen war, mussten die Mädchen warten. Um sich die Zeit zu vertreiben, spielten sie „Ich sehe was, was du nicht siehst“. Katherine gewann, hatte aber das Gefühl, als sei Ingrid gar nicht bei der Sache gewesen. Dieser Keksdiebstahl beschäftigte sie wirklich, wenn sie dafür auf einen Sieg verzichtete.

 

„Hallo, Mädchen.“ Bessy lächelte, als sie durch die Gartentür in die Küche kam und zwei große Papiertüten voller Einkäufe auf den Tisch stellte. „Was für ein Zufall, dass ich euch treffe, ich hab euch was mitgebracht.“ Ihr ganzer Unterarm verschwand in einer der Tüten und sie klemmte die Zunge zwischen die Lippen, als sie nach etwas suchte. Schließlich zog sie zwei Lutscher hervor und hielt in jeder Hand einen.

Katherine wollte sich einen nehmen, doch Ingrid schob sie vor sich. „Vielleicht, um etwas gut zu machen?“, fragte sie spitz. „Willst du uns bestechen?“

Katherine fand es ungerecht, sofort von Bessys Schuld auszugehen, aber sie hatte versprochen, Ingrid machen zu lassen.

Bessy hob die Brauen und lächelte schief. „Hab ich denn etwas gut zu machen?“, fragte sie. „Hab ich das Essen versalzen? Aber hätte Lady Adelaide dann nicht schon etwas gesagt?“ Ihr Blick wanderte zum Gewürzregal und sie murmelte Dinge, die Katherine nicht verstand.

„Tu nicht so, als wüsstest du nichts!“ Ingrid deutete mit dem Zeigefinger auf den Krug im Regal.

 

„Bitte?“ Bessy folgte der Geste mit gerunzelter Stirn. „Was ist mit dem Krug? Er steht anders da als heute Morgen, als ich sauber gemacht habe.“

„Und als du welche von den Keksen genascht hast“, fügte Ingrid siegessicher an.

„Was? Nein!“, wehrte Bessy ab. „Ich hab sie entdeckt, ja, aber auch nur, weil der Deckel schief war und ich ihn richtig drauf gesetzt hab. Niemals würde ich mir ungefragt etwas nehmen, das mir nicht zusteht.“

„Dann ist dir aber vielleicht etwas Ungewöhnliches aufgefallen?“, fragte Katherine nun doch, weil sie Bessy glaubte. Sie war rot geworden, ja, aber es sah nicht nach Schuldbewusstsein aus.

Bessy tippte sich mit dem Zeigefinger ans Kinn. „Tatsächlich“, sagte sie und sofort zückte Katherine den Block. „Da war schon wieder Erde auf dem Brett, genau wie gestern schon. Auf dem Boden auch und da dachte ich, es wäre der Hund gewesen, oder ihr, aber wenn ihr es nicht wart …“

„Danke!“, rief Ingrid, schnappte sich die Lutscher und Katherines Hand, noch bevor die fertig geschrieben hatte. Der Buntstift hinterließ einen dicken blauen Strich über das ganze Blatt hinweg.

 

„Erde!“, rief Ingrid und stieß die Tür zum Garten so heftig auf, dass sie gegen die Hauswand knallte. Ihre Mutter sah das nicht gern, darum achteten sie meist auch darauf, aber nun hatte Ingrid es offenbar eilig. „Wer hat immer Erde an den Fingern?“

„Walther!“, antwortete Katherine und Ingrid nickte heftig, wobei sie langsamer wurde. „Du meinst, Walther hat die Kekse genommen?“ Auch er war für sie ein netter Mann gewesen, seit sie ihn kannte. Manchmal vielleicht ein bisschen unheimlich, einmal hatte er bei Regen seine Sense im Schuppen geschärft und ausgesehen wie der Tod, aber er hatte ihr Schach beigebracht und ihr eine kleine Ecke des Beetes überlassen, das die Veranda einfasste. Aber er war der Gärtner und der Gärtner war es immer, sagte Adelaide. Aber stimmte das nur in den Büchern, die sie manchmal las, oder auch in echt?

Die Beweise meinen, dass er es war“, sagte Ingrid und rückte ihre Mütze zurecht, die beim Rennen verrutscht war. Sie packte ihren Lutscher aus und steckte ihn sich in den Mund. „Nun brauchen wir nur noch ein Geständnis. Sind Sie dabei, Dr. Crowfield?“

Katherine nickte bestimmt. „Wir werden die Wahrheit herausbekommen, Harrington.“ Sie steckte sich ihren Lutscher ebenfalls in den Mund und nahm Ingrids Hand.

 

Sie mussten nicht lange nach Walther suchen. Er saß im Schuppen und malte gerade mit einem dünnen Pinsel eine Linie auf den Rock einer Holzfigur, an der er die letzten Tage geschnitzt hatte. Er schnitzte sehr viel, vor allem Spielzeug für Ingrid und auch für Katherine, seit sie im Haus war. Und nun war es diese Figur, die Adelaide darstellen sollte, wie er ihr verraten hatte. Arthur und Ingrid gab es auch schon, als nächstes war Katherine an der Reihe.

Er bemerkte die beiden Mädchen gar nicht, denn sie waren leise gewesen, um ihn nicht zu stören. Man musste sich konzentrieren, wenn man malte, das wussten sie beide. Also standen sie einfach im Türrahmen, bis er die Figur auf den Tisch stellte und den Pinsel in ein Wasserglas tauchte, in dem sich nun eine blaue Wolke ausbreitete.

 

Ingrid klopfte an die offene Tür und Walther zuckte zusammen, hätte beinah das Glas umgestoßen.

„Oh, Mädchen, ihr seid es nur!“, rief er erleichtert, als er sich zu ihnen umgedreht hatte. „Ihr dürft mich alten Mann doch nicht so erschrecken.“

„Zum erschreckt werden bist du zu alt, aber für Kekse nicht?“, fragte Katherine. Sie hatten Beweise, dass er es war, also mussten sie sich nicht auf seine Aussage verlassen. Darum konnten sie ihn auch gleich mit der Wahrheit konfrontieren.

Walther sah sie verwundert an und Katherine suchte in seinem Gesicht nach Anzeichen. War er verwundert, weil sie ihn als Täter erkannt hatten, oder wusste er gerade nicht, wovon sie sprachen?

 

„Ja, wir wissen, was passiert ist“, sagte Ingrid langsam, als ihr sein Schweigen zu lang dauerte. Sie verschränkte die Hände hinter dem Rücken und ging langsam durch den Raum auf ihn zu. Dabei schob sie den Lutscher in ihrem Mund hin und her, der Stiel sah ein bisschen aus wie eine Zigarette. „Es begann gestern. Nein, vorgestern! Du bist in die Küche gekommen, vielleicht, weil du dir etwas zu trinken holen wolltest, es ist ja sehr warm draußen und du hast Rasen gemäht. Also wolltest du dir ein Wasser holen oder etwas von Mamas Limonade – und da hast du sie gerochen! Frisch gebackene Kekse, die ganze Küche hat noch danach gerochen.“ Sie schaute zu Katherine, die eifrig nickte. Sie hatten sich ja selbst zurückhalten müssen, nicht schon von den warmen Keksen zu naschen, weil es so geduftet hatte.

„Du wusstest, dass sie im Krug sind, weil der ja dafür da ist“, fuhr Ingrid fort. „Und da konntest du nicht widerstehen. Du hast dir einen genommen, dann überkamen dich vielleicht die Schuldgefühle, weil man nicht einfach ungefragt Kekse aus der Dose nimmt.“ Sie blieb stehen und sah ihn ernst an. Das konnte sie schon richtig gut, genauso wie sie schon klingen konnte wie ihr Vater, wenn sie wollte. „Aber gestern. Gestern bist du rückfällig geworden, ein Wiederholungstäter.“

„Die Kekskontrolle hat es bewiesen“, sagte Katherine. „Gestern hat einer gefehlt und heute zwei.“

„Und wir haben Beweise“, fügte Ingrid an, ließ Walther überhaupt nicht zu Wort kommen. „Dr. Crowfield?“

Katherine zückte den Block. „Richtig! Wir haben die Aussage des Küchenmädchens, dass Erde auf dem Regalbrett gewesen ist. Aber wir haben sie dort nicht hinterlassen und darum kommst nur Du in Frage.“

Einen Moment blickte Walther sie verdutzt an, dann seufzte er tief und hob die Hände. „Ich war ein alter Narr“, sagte er. „Ihr habt vollkommen recht, Mädchen, ich war es! Ich gebe alles zu, ich konnte diesem Duft einfach nicht widerstehen, und als ich dann einen gekostet hatte, musste ich auch einen zweiten essen. Dabei habe ich wirklich versucht, mich zu beherrschen. Ach, ich hätte damit rechnen müssen, dass ihr mir auf die Schliche kommt. Könnt ihr mir verzeihen, auch wenn ich jede Strafe verdient habe?“

 

Katherine hatte Mitleid mit ihm. Sie war sich jetzt auch sicher, dass man Keksdieb und trotzdem nett sein konnte. Dennoch wollte sie sich das nicht anmerken lassen, weil es Ingrids Entscheidung war, wie sie weiter vorgehen sollten.

„Ja, wir verzeihen dir“, sagte Ingrid und warf einen Seitenblick auf Katherine, die wieder nur nickte. „Aber weißt du, was traurig ist? Wir haben extra genug Kekse gebacken, dass jeder von uns drei bekommt. Du hättest einfach abwarten müssen.“

„Aber das konnte er nicht wissen, weil es eine Überraschung sein sollte“, bemerkte Katherine leise und handelte sich damit einen tadelnden Blick von Ingrid ein.

Walther hielt sich die Stirn und schüttelte den Kopf. „Ich hätte sie trotzdem nicht nehmen dürfen“, sagte er. „Leider kann ich nicht mehr tun, als euch versprechen, dass das niemals wieder vorkommen wird. Und falls noch mehr davon für mich gewesen wären, verzichte ich darauf, ich habe sie nicht verdient.“

„Nein, du verzichtest nicht“, erwiderte Katherine und schnitt damit Ingrid das Wort ab, die jedoch keinen Einwand hatte, also anscheinend dasselbe gesagt hätte. „Wenn wir sie heute Nachmittag essen, sollst du nicht daneben sitzen und nichts haben, das geht nicht. Du darfst deinen letzten Keks haben, aber nur, wenn du uns das nächste Mal beim Backen hilfst.“

„Dann muss Asa das nicht machen und wir können ihn auch mal überraschen!“ Ingrid klopfte Katherine auf die Schulter. „Ausgezeichnete Idee, Dr. Crowfield.“

 

Zwischen seinen Fingern hindurch blickte Walther sie aus einem Auge an. „Ihr seid zu gütig, Mädchen. Natürlich werde ich euch helfen, wann immer ihr es braucht und wünscht. Und wenn ich ehrlich sein soll: Man ist niemals zu alt für Kekse.“