Ingrids fabelhafte Erziehungsmethoden

Wie immer, wenn Lindsay in das Büro kam, verzichtete sie auf Rücksicht oder auch nur die Höflichkeit, die Person auf dem Besucherstuhl zu beachten. Statt wie sonst mit hoch erhobenem Haupt, kam sie heute jedoch mit gesenktem Blick zum Schreibtisch und schob mit zusammengekniffenen Lippen und beinahe zögerlich einen Umschlag zwischen die Papiere, der das Siegel der Schule trug.
„Anderson, wir setzen dieses Gespräch später fort.“
Der Mann auf dem Besucherstuhl, der von Lindsays Auftritt mitten im Satz unterbrochen worden war, schloss den Mund. Zornesröte stieg in sein Gesicht und er rührte sich nicht. Einen Moment lang befürchtete Ingrid, er würde zu einer langatmigen Rede über seine Position und seinen Einfluss ansetzen, wie es viele in seiner Situation vor ihm getan hatten, doch er blieb stumm und stand schließlich mit geballten Fäusten auf. Immerhin er schien zu wissen, dass er sie damit nicht beeindrucken konnte.

Als er gegangen war, nahm Ingrid den Umschlag und einen Brieföffner zur Hand und blickte ihre Tochter über den Rand ihrer Brille hinweg an. „Schweig.“
Lindsay, die den Mund zu einer Verteidigung geöffnet hatte, klappte ihn zu und biss die Zähne zusammen. Die ganze Zeit hielt sie Ingrids Blick stand, schaute nicht einmal zur Seite, nicht aus dem Fenster hinter Ingrid, nicht hinunter zu Hunter, was sonst ihre erste Amtshandlung war, wenn sie das Büro betrat.
Der Brief war ein von Lindsays Klassenlehrerin Mrs Dollohow ausgefülltes und unterschriebenes Standardformular, das nichts weiter aussagte, als dass Lindsay in der Pause in eine Rauferei geraten war. Ingrid wollte sich schon vornehmen, das wie immer an Charles weiterzuleiten, der bisher alle Elterngespräche geführt hatte, als sie den düsteren Blick ihrer Tochter bemerkte.
„Wenn ich mich mit niemandem prügeln darf, will ich kein Mädchen mehr sein“, sagte sie mit solcher Bestimmtheit, dass Ingrid es nicht als etwas abtun konnte, was Kinder eben sagten, wenn sie sich der ganzen Tragweite nicht bewusst waren.
Einen Augenblick lang herrschte Stille, bis sie von amüsiertem Schnauben unterbrochen wurde.
Ingrid knallte den Brief auf den Tisch, um dem Einhalt zu gebieten, und schob ihren Stuhl ein Stück zurück. „Hierher.“
Lindsay, die prinzipiell mit dem Kopf durch die Wand ging, schwang sich kurzerhand auf den Schreibtisch und tapste zielsicher die zwei Schritte zwischen den verstreuten Dokumenten, bevor sie sich schwer in Ingrids Schoß fallen ließ.
Das belustigte Seufzen aus der Ecke ignorierten sie beide, wobei Lindsays mangelnde Reaktion ein Hinweis darauf war, dass sie sich hier an einem wunden Punkt bewegte.
„Diese Rauferei.“ Ingrid blickte ihre Tochter ernst an, damit das Mädchen verstand, wie wichtig es war, an dieser Stelle die Wahrheit zu sagen. Bei Lindsay musste sie da nicht viel Sorge haben, der war das Konzept der Lüge praktisch unbekannt, was häufig dazu führte, dass sie auch die unangenehmsten Wahrheiten da aussprach, wo die falschen Ohren sie hören konnten. „Hast du angefangen?“
„Hab ich nicht!“, antwortete Lindsay sofort mit echter Empörung über diese Anschuldigung. „Wir haben Ball gespielt, okay, und ich hab kurz nicht aufgepasst, weil Sara mich was gefragt hat, und da hat Stanley Harper mir den Ball volle Kanne an den Kopf geknallt und mich ausgelacht, als ich fast gefallen wäre. Und dann wollte er noch mal, aber ich hab ihm den Ball aus der Hand geschlagen und da hat er mich gehauen und ich ihn, aber ich hab ihm nicht wehgetan und trotzdem ist er zu Mrs Dollohow gerannt und hat geheult. Alle haben es gesehen und ihr auch gesagt und trotzdem krieg ich die Schimpfe!“
„Völlig zu Recht.“
Ingrid bekam eine Kaskade roter Locken ins Gesicht, als ihre Tochter den Kopf drehte und Gabriel anstarrte, der mit dem Stuhl in Schräglage an der Wand saß und breit grinste.
„Halt den Mund“, forderte Ingrid, doch er schüttelte den Kopf.
„Du lässt dich treffen“, stellte er fest.
„Ich war abgelenkt!“, protestierte Lindsay mit schriller Stimme und ihr war überdeutlich anzumerken, dass sie mit sich selbst unzufriedener war, als es sich für ein Mädchen von acht Jahren gehörte. Tadelnde Worte von Gabriel, den sie verehrte wie sonst kaum jemanden, fast wie Katherine es früher getan hatte, und dem sie durch das Haus folgte wie ein Hündchen, wenn er nach einer Woche Abwesenheit zurückkehrte, machten es für sie noch schlimmer.
„Beim zweiten Mal auch?“
„Schweig!“ Ingrid schlug auf den Tisch und legte den Arm um Lindsay. „Noch ein solches Wort zu meiner Tochter und du wirst Tokyo in diesem Jahrtausend nicht mehr sehen.“
Abwehrend hob er die Hände, auch wenn er ihre Drohung sichtlich nicht ernst nahm. In seinen Worten hatte auch nicht viel Vorwurf gelegen, doch Lindsay begriff das nicht. Es lenkte auch vollkommen vom eigentlichen Sachverhalt ab.
„Es ist in Ordnung“, versicherte Ingrid der Kleinen.
„Ist es nicht.“
„Aber darum kümmern wir uns später. Deine Lehrerin, sagst du also, hat dann zu dir gesagt, dass Mädchen sich nicht prügeln?“
Lindsay nickte und kaute auf ihrer Unterlippe. „Was hätte ich denn machen sollen?“
„Du hast das richtig gemacht“, warf Gabriel ein, bevor Ingrid es sagen konnte, und sofort hellte Lindsays Miene sich etwas auf.
„Wann ist das eigentlich passiert?“, fragte Ingrid und warf einen erneuten Blick auf die Einladung. „Letzten Donnerstag? Hast du dir das Shirt dabei aufgerissen?“ Darüber hatte sie sich keine weiteren Gedanken gemacht. Es verging kaum eine Woche, da Lindsay ohne Blessuren in der Kleidung nach Hause kam. Das war in Ordnung, Kinder in dem Alter sollten toben und es ließ sich alles schnell ersetzen.
Lindsay nickte und schaute Ingrid schuldbewusst von unten her an.

Ingrid hatte sich vorgenommen, die Sache ruhig anzugehen, auch wenn es nicht einfach war. Niemals hätte sie damit gerechnet, dass ihre Töchter mit einer Aussage wie dieser konfrontiert werden würden. Du darfst dies und jenes nicht, weil du ein Mädchen bist. Von Anfang an hatte sie darauf geachtet, in der Erziehung komplett auf diese Schubladen zu verzichten, ob es um Nick ging, der mit fünf darauf bestanden hatte, zu Halloween mit Rock und Bluse in den Kindergarten zu gehen, wie sie es auf dem Familienportrait in der Eingangshalle trug, oder um Lindsay, die mit ihren Actionhelden-Figuren Rachels Puppen vor außerirdischen Robotern beschützte. Sie brachte ihren Kindern das bei, was ihre Mutter ihr einst nahegelegt hatte, dass man sich durchsetzen musste, auch wenn die anderen sich für übermächtig hielten. Zu bald hatte sie das anwenden müssen, um Leuten wie Anderson gegenüber zu beweisen, dass sie auch mit zwölf Jahren das Sagen hatte, nicht Walther, der sie immer begleitet hatte.

Mrs Dollohow war eine junge Dame, die einen freundlichen ersten Eindruck vermittelte, weswegen Ingrid erst recht nicht verstand, wie sie solche Ansichten vertreten konnte. Sollte das nicht den Fossilien vorbehalten sein, die aus einer Zeit stammten, als Schüler in Schulen noch geschlagen wurden, und kurz vor der Rente standen?
Sie saßen in einem Klassenraum, an dessen Wänden in unterschiedlichen Höhen die Handabdrücke der Kinder in bunten Farben an die Wand gebracht worden waren. Ingrid war erleichtert, dass sie nicht auf einem der Schulstühle sitzen musste, sondern für sie und auch Lindsay Besucherstühle bereitstanden.
„Sie müssen mir doch noch einmal genau erklären, warum Sie mich herbestellt haben.“
Mit Blick auf Lindsay faltete Mrs Dollohow die Hände auf dem Lehrertisch. „Wir wissen, dass Lindsay eine aufgeweckte Natur ist“, begann sie zögerlich, deutlich um wohlwollende Wortwahl bemüht. „Aber dieser Vorfall, es war ja nicht der erste dieser Art, aber wohl der schwerwiegendste, macht uns doch Sorgen.“
Ingrid beschloss, den Ton der Lehrerin auf eine Mischung aus Berufsgewohnheit und Lindsays Anwesenheit zu schieben. „Damit ich sicher bin, richtig im Bild zu sein. Sie wissen, dass meine Tochter diese Rauferei nicht angefangen hat.“
„Das ist richtig.“ Mrs Dollohow nickte mit einem schwachen Lächeln. „Stanley hat es selbst zugegeben …“
„Ich gehe also davon aus, dass sie seine Eltern auch darüber informiert haben?“
Mrs Dollohow hob die Brauen. „Um ehrlich zu sein, nein.“
„Obwohl das nicht das erste Mal ist, dass Stanley Streit anfängt“, warf Lindsay ein, ohne eine der beiden Frauen anzusehen. Sie saß nur mit schaukelnden Beinen da und hielt die bunten Buchstaben im Blick, die über der Tafel aufgehängt waren.
„Ist das so?“, fragte Ingrid die Lehrerin, die ihrem Blick daraufhin auswich. „Und das halten Sie nicht für besorgniserregend?“
„Sie haben doch selbst einen Sohn, Lady Harrington, Sie wissen, wie Jungs sind …“
Mit einer Handbewegung schnitt Ingrid ihrer Tochter das Wort ab, die schon wieder zu einem Kommentar hatte ansetzen wollen. Sie selbst machte keine Bemerkung darüber, dass Nick bisher kein einziges Mal irgendjemandem gegenüber handgreiflich geworden war und sie keinen Anschein vor Sorge hatte, er könnte damit anfangen. Hier ging es schließlich nicht um ihn. In der Antwort der Lehrerin schwang etwas anderes mit, das ihr viel saurer aufstieß.
„Ich bin mir nicht sicher, ob es Ihnen klar ist, aber Sie haben damit gerade angedeutet, dass es schlimmer ist, wenn mein Kind sich wehrt, als wenn ein anderes Kind ohne vorherige Provokation körperlich übergriffig wird. Wollen Sie mir sagen, dass meine Tochter alles über sich ergehen lassen soll? Dass der einzige Grund dafür ist, dass sie ein Mädchen ist? Ist es das, was Sie den Kindern hier beibringen? Mit den Mädchen kannst du ruhig machen, was du willst, sie kriegen den größeren Ärger?“
Sie war nicht laut geworden, und doch schien Mrs Dollohow auf ihrem Stuhl immer weiter zusammenzusinken.
„Hör auf, so dumm zu grinsen, junge Dame, zu dir komme ich später.“
Lindsay schoss in eine aufrechte Position, hielt augenblicklich die Füße still und setzte eine übertrieben ernste Miene auf.
„Ich bringe meinen Kindern bei, sich solche Dinge nicht gefallen zu lassen. Ich bringe ihnen auch bei, dass sie Handgreiflichkeiten vermeiden sollen, aber speziell Lindsay hat damit noch ihre Schwierigkeiten. Wenn sie also tatsächlich einmal ein Problem verursacht, werde ich wieder hier sitzen und mich mit Ihnen unterhalten.“
Sie stand auf, nahm ihre Tochter an der Hand und war beinahe enttäuscht, als die Lehrerin sie nicht davon abhielt, zu gehen.

Während der Heimfahrt schwieg sie und auch Lindsay war offenbar nicht daran interessiert, die Angelegenheit im Moment weiter zu diskutieren. Ganz abgeschlossen fand Ingrid sie jedoch nicht, weswegen sie das Mädchen zurückhielt, als es sich zurück im Haus sofort in Richtung Treppe aufmachen wollte.
In ihrem Büro hob sie Lindsay auf den Schreibtisch, wo die immer sitzen wollte, für gewöhnlich aber nicht durfte. „Es ist wichtig, dass du etwas weißt, Lindsay“, fing sie an und nahm die Hände ihrer Tochter. „Lass dir nichts gefallen. Völlig egal, was es ist, wenn jemand dir zu weit geht, wehr dich.“
Lindsay nickte und kniff die Lippen zusammen.
„Aber du weißt, dass es viele verschiedene Möglichkeiten gibt, sich zu wehren, nicht nur die eine.“
Das Mädchen blickte zur Seite, wo Gabriel gerade nicht saß, um ihm irgendeine Form von Unterstützung zu geben. „Ich weiß. Aber … Mum?“

Ingrid wartete schweigend darauf, dass Lindsay sich aussprach. Das war die Art Tonfall, wie sie vor Geständnissen auftrat, wenn sie beim Spielen ihre Hosen zerrissen hatte oder der Ball in einem Blumenbeet gelandet war.
„Mum, was ist, wenn ich trotzdem kein Mädchen sein möchte?“
Ingrid hatte nicht das Gefühl, dass dieser Gedanke erst in Verbindung mit dem aktuellen Vorfall in ihrer Tochter aufgekommen war. „Dann ist das auch völlig in Ordnung, mein Liebes“, antwortete Ingrid, weil es die einzige konsequente Option war. Weil sie wichtigere Probleme hatte, als Lindsay vorzuschreiben, wie sie sich zu fühlen hatte. Weil sie sich immer vorgenommen hatte, ihre Kinder ernst zu nehmen. Vielleicht stellte es sich bald als Gerede heraus, vielleicht nicht.
„Heißt das, ich darf dann Sara heiraten?“