AS I Sandkekse

Camber Sands ist leer zu dieser frühen Stunde und ich bin froh darüber. Da sind nur die Möwen, die verschlafen auf dem Wasser treiben oder durch den feuchten Sand waten, hin und wieder zu T.J. und mir hinauf schauen. Sie trauen sich nicht heran, aber ich kann sehen, wie sehr sie hoffen, dass der Wind den einen oder anderen Kekskrümel zu ihnen trägt. Dabei ist er dazu überhaupt nicht stark genug, was ich ein bisschen schade finde.

Während ich mir einen ganzen Keks in den Mund schiebe, kommt eine etwas stärkere Böe und Haare verfangen sich zwischen meinen Lippen. Ich ignoriere es und kaue darauf herum, bis T.J. sie mir aus dem Gesicht streicht. Sein Finger an meiner Wange verschafft mir ein warmes Gefühl, das die morgendliche Kälte ein wenig vertreibt.

„Laura, warum sind wir hier?“, fragt er. Jetzt, nachdem er nur für mich im Morgengrauen aufgestanden und mit mir hierher gefahren ist. Normalerweise ist er vor elf nicht aus dem Bett zu kriegen, aber als ich ihn darum gebeten habe, hat er sich nicht beschwert und keine Fragen gestellt.

Mit zwei Fingernägeln streiche ich die Kekskrümel aus meiner Haarsträhne, während ich nach Worten suche. Ich will ja reden, mit irgendwem muss ich, und am liebsten mit ihm. Er hat ja schon halb bei uns gewohnt, bevor wir zusammen waren, so als bester Freund meiner Schwester, und weiß dadurch, wie es bei uns daheim ist. Gleichzeitig ist er aber doch ein Außenstehender, hat einen anderen Blick auf alles. „Weißt du, wann wir zuletzt hier waren? Nur so zum Spaß? Die ganze Familie?“

Er schüttelt den Kopf.

„Siehst du. Das war, bevor du überhaupt Dawn kanntest, ich war fünf oder so. Das war genau hier. Papa ist auf ’nem Stein ausgerutscht und hat mich fallen lassen, ich bin fast ertrunken. Das ist aber nicht der Grund, warum wir seitdem nicht mehr hier waren.“ Meine Eltern haben einfach zu wenig Zeit. Vater ist auf dem besten Wege, Polizeichef zu werden und Mutter hat als Chefin einer wichtigen Sicherheitsfirma – das ist zumindest die öffentliche Bezeichnung – ständig mit irgendwelchen Regierungsmenschen zu tun. Ganz davon abgesehen, dass mein Bruder kaum mehr zuhause ist, sondern immerzu für die Firma unterwegs, sogar auf dem Kontinent.

„Hm.“ Mehr sagt er nicht dazu. Wahrscheinlich verkneift er sich gerade etliche dumme Bemerkungen. Normalerweise freu ich mich über die, aber im Moment ist es mir lieber.

 

„Wenigstens einmal möchte ich ein bisschen allein sein. – Allein mit dir“, füge ich an, als ich seinen fragenden Blick bemerke. „Ich musste einfach mal raus. Hier fragt mich wenigstens keiner nach meinen Prüfungen und was ich später vorhabe.“

„Du übertreibst, Laura“, sagt T.J. und eigentlich hat er recht damit. Es ist nicht so, dass meine Eltern mir ständig damit in den Ohren liegen würden. Sie lieben mich und ich liebe sie, kann echt froh darüber sein, was für ein gutes Verhältnis wir in der Familie haben. Trotzdem oder gerade deswegen habe ich immer dieses dumme Gefühl, eine Enttäuschung zu sein.

„Ein bisschen vielleicht“, gebe ich nuschelnd zu und nehme mir einen Keks. Wie oft habe ich jetzt schon versucht, diese Kekse mit Schokostückchen zu backen? Niemals sind sie mir so gelungen wie meiner Mutter. Bei ihr sind sie rund und hoch, bei mir total zerlaufen. „Aber sieh mich doch an. Ich bin genau wie dieser Keks. Unförmig. Misslungen.“ Ich lasse zu, dass er mir den Keks aus der Hand nimmt. Als er ihn sich in den Mund stecken will, fällt er – natürlich genau neben seine Jacke, auf der wir sitzen.

„Und voller Sand“, sagt T.J. und grinst dabei. Mit zwei Fingern klopft er den Keks ab, aber es ist nicht wirklich zu erkennen, ob das, was fällt, Sandkörner sind oder nur Krümel. Es scheint ihn nicht zu stören, denn er steckt ihn sich einfach ganz in den Mund.

„Das auch, ja“, gebe ich zu und nehme mir einen neuen Keks, esse ihn, bevor er ihn mir auch wegschnappen kann.

Er seufzt, als er fertig gekaut hat. „Laura. Sei bitte nicht albern.“ Wenn er das sagt, klingt das lustig, aber im Moment ist mir überhaupt nicht nach lachen. Das ist auch etwas, das äußerst selten vorkommt. Sonst kann das Meer meine Laune heben, aber heute nicht.

„Na, ist doch wahr“, entgegne ich. „Ich bin nicht Nick mit seinen super Noten, der sein ganzes Herzblut in die Firma steckt. Mum will ihn die Niederlassung in Deutschland übernehmen lassen, wenn es so weit ist. Und ich bin nicht Dawn mit ihren ganzen Sportpokalen, die nur da sein muss, damit Mum stolz auf sie ist.“

T.J. lacht an dieser Stelle. Sicher sieht es manchmal nicht so aus, als wäre Mutter besonders stolz auf Dawn, eher im Gegenteil. Aber sie haben sich ehrlich lieb, nur eine etwas ungewöhnliche Art, das zu zeigen. Ich komme mir gemein und ungerecht vor.

„Nicht böse gemeint. Aber nun sitz ich hier mit meinen zehn Kilos zu viel, hab’nen mittelmäßigen Schulabschluss vor mir und noch keine Ahnung, was ich hinterher mit meinem Leben anfangen will.“ Ich weiß nur, dass ich nicht in die Firma einsteigen will, genau wie Nicks Freundin Charlotte, die bei einem Verlag in der Stadt arbeitet. Aber nur zu wissen, was man nicht will, hilft in meiner Situation nur wenig.

T.J. streichelt mir über den Rücken und nimmt sich einen Keks aus der Schachtel. „Hast schon recht, du bist wie diese Kekse. Vielleicht äußerlich nicht ganz perfekt, aber innen wunderbar weich und süß.“

Ich muss plötzlich weinen, ganz aus heiterem Himmel. Wegen seiner lieben Worte, die gleichzeitig ziemlich bescheuert sind. Wie man es eben von ihm gewohnt ist. Das mag ich so an ihm, dass er immer in der Lage ist, die allgemeine Laune zu heben. Und trotzdem will es mir nicht gelingen, zu lächeln.

„Mein trauriges, liebes Nesthäkchen.“ T.J. streicht mir die Haare aus dem Gesicht, die in den feuchten Spuren meiner Tränen hängen geblieben sind. „Sei nicht so hart mit dir selbst. Du bist ein wunderbarer, lieber Mensch mit Fehlern, wie alle sie haben, du hast eine Familie, die dich liebt, und den besten Freund, den jedes Mädchen sich vorstellen kann. Es gibt keinen Grund, schlecht von dir selbst zu denken und Angst vor der Zukunft zu haben. Du kannst alles machen, was du willst.“

„Du bist ein Idiot, T.J.“ Ich wische mir mit dem Handballen die Augen trocken. „Und wie lange musstest du das eigentlich auswendig lernen, damit es jetzt sitzt?“

Er lächelt und ich liebe ihn zutiefst. Ich liebe ihn wie ich keinen von den Jungs zuvor geliebt habe, mit denen es nie länger als einen Monat gehalten hat. Dafür, dass er da ist und manchmal auch vernünftige Dinge sagen kann. Aber am meisten dafür, dass er das fast nie tut.