Weihnachtsfrieden

Es war Williams Rettung, dass zum Jahresende eine Art stummes Abkommen zum Waffenstillstand galt. Von der Wintersonnenwende bis ins neue Jahr wurde sein Status als Vogelfreier aufgehoben und er konnte sich frei in Hollowood House bewegen. Freilich war nicht zu erwarten, behandelt zu werden wie jeder andere. Schließlich war er ein Verräter. Und doch hatte Ingrid ihm die Wahl gelassen, hier und damit am Leben zu bleiben.

Im Nachhinein betrachtet war das nicht seine beste Entscheidung gewesen. Doch die einzig mögliche, da es nur darauf ankam, bei Megan zu sein. Die Verbesserung ihres Zustands seit seiner Anwesenheit ließ sich nicht bestreiten. Selbst nach seinem Verrat, den er mittlerweile mehr bereute als all die anderen Schandtaten in seinem Leben, hatte sie sich nicht von ihm abgewandt.

Für sie rissen sie sich heute auch alle zusammen, nicht für ihn. Doch diese eine Gelegenheit im Jahr, zu der er das Leben im Haus genießen konnte, reichte ihm völlig.

 

Zwar hatte ein Schneeball am Morgen das Fenster getroffen, hinter dem er gestanden und die Kinder im Garten beobachtet hatte, ansonsten war der Tag jedoch friedlich verlaufen. Die Kleinen rannten von draußen, wo sie ganze Städte in den Schnee gebaut hatten, nach drinnen, versuchten, Blicke auf das Kaminzimmer zu erhaschen, in dem schon der deckenhohe Weihnachtsbaum errichtet und geschmückt worden war, und wieder nach draußen. Anders als in den meisten Haushalten des Vereinigten Köngreichs wurde mit der Bescherung hier nicht bis zum Weihnachtsmorgen gewartet. Das habe Ingrids Mutter aus Deutschland mitgebracht, hatte Megan ihm erklärt. Er selbst konnte sich dafür nur wenig begeistern, für extreme Vorfreude auf Weihnachten war er zu alt. Viel zu erwarten hatte er ohnehin nicht. Megan würde ihn mit irgendetwas überraschen, die kleine Selen hatte mit etwas Glück etwas für ihn gebastelt, was man eben von einer Dreijährigen erwarten konnte. Die anderen, vor allem Gabriel, würden sich damit begnügen, dass sie ihn eine Woche lang nicht tot sehen wollten.

Mehr konnte man sich nicht wünschen, oder?

 

Traditionell war die Küche über Weihnachten Sperrgebiet. Ingrid bestand auf der alleinigen Verantwortung für das Essen, ließ sich höchstens von Katherine zur Hand gehen, die aber auch nur exakt so lang geduldet wie benötigt wurde.

Als William nach einem Spaziergang mit Megan das Esszimmer betrat, war es von feinen Düften erfüllt. An der verschlossenen Durchreiche zur Küche stand Lindsay, ein Handy in der Hand und offensichtlich in einen inneren Kampf vertieft. Von einem mächtigen Schulterstoß gegen die Tür schien sie nicht weit entfernt. Das Jahr über die Gleichgültigkeit in Person, drängte es sie an Weihnachten seit jeher nicht zur Bescherung, sondern zum Essen. Das war eine dieser Marotten, die man ihr lieber ließ.

Gerade wollte William sich leise wieder entfernen, um nicht zu riskieren, dass ihr Aggressionspotenzial sich schlussendlich gegen ihn richtete, da bemerkte sie ihn. Doch er schien ihr eher eine willkommene Abwechslung als ein Störfaktor zu sein, denn sie winkte ihn heran. Am Geschirrschrank trat er hinter sie und bekam umgehend einen Stapel goldumrandete Teller in die Hand gedrückt.

Es waren zwei zu viel.

Lindsays Blick verriet ihm, dass es eine schlechte Idee wäre, nachzufragen. Also unterließ er es und verteilte schweigend die Teller. Sie folgte ihm und legte das Besteck dazu, lauter Löffel, Gabeln und verschiedene Messer, deren Zweck ihm erst hier im Haus beigebracht worden war.

Nach vollendeter Runde entdeckten sie Selen, die aus heiterem Himmel aufgetaucht war und in ihrer Bestrebung zu helfen Gläser in ihren kleinen Händen balancierte. Über die Tischkante schauen konnte sie nur, wenn sie sich auf Zehenspitzen stellte. Entsprechend abenteuerlich sah es aus, wie sie die Gläser langsam in die richtige Position schob.

Es war gewagt, dass William sich entschloss, ihr zu helfen, indem er sie hochhob und um den Tisch trug. Doch Lindsay, die normalerweise bissig werden konnte, wenn er ihrer Tochter zu nahe kam, ließ es kommentarlos geschehen.

Gemeinsam betrachteten sie ihr vollendetes Werk. Zum Geschirr war Dekoration hinzugekommen, Tannenzweige, Kerzen in kunstvoll gearbeiteten Ständern, die nur für diesen Anlass benutzt wurden, und dunkelrote Kugeln, die Selen zusammen mit ihrer Mutter abgezählt hatte. Auf jedem Teller lagen außerdem ein Cracker und ein weihnachtsbaumförmiges Schokoladentäfelchen. Auch auf den beiden überzähligen Plätzen links und rechts der Stirnseite.

Wieder ohne Beschäftigung ließ Lindsay den Blick zur Küchentür schweifen. Doch Selen forderte ihre Aufmerksamkeit ein, indem sie von dem Stuhl kletterte, auf den sie geklettert war, um dafür zu sorgen, dass bloß alles ordentlich lag. Entschlossen zog sie an Lindsays Hemdsärmel.

„Ja, Kleines, wir ziehen uns um.“ Sie beugte sich vor und ließ die Kleine auf ihren Rücken klettern. „Was hältst du denn von dem Wollkleidchen?“

„Rudolph!“, quiekte Selen und patschte auf die Schultern ihrer Mutter.

Im Herumdrehen stieß Lindsay William mit der Schulter an, sodass er ins Wanken geriet, gab dabei aber ein Schnauben von sich, das vor ein paar Jahren ein Lachen gewesen wäre.

William war so frei, das als Dank für die Hilfe zu betrachten.

„Für Gäste, die vielleicht kommen“, erklärte sie in der Tür, dann waren sie verschwunden.

Das reichte William, um zu verstehen. Früher hatte seine Großmutter stets einen Platz zu viel gedeckt, falls eine arme Seele auf der Suche nach einer warmen Mahlzeit bei ihnen klopfte. Hier waren es zwei, für die, deren Erscheinen man sich erhoffte. Für Rachel, die wegen des Schneechaos in den Highlands nicht da sein konnte. Für Leopold, der in Australien unterwegs war.

 

Es war Williams Glück, dass er seine Rolle kannte und in ihr zufrieden war. Sein Platz war am einen Ende der Längsseite neben Megan, in sicherem Abstand zu Ingrid und auch Gabriel, der sich allerdings gar nicht für ihn interessierte, sondern die Kinder mit Erzählungen von seinen Reisen unterhielt. Vor allem Selen schien ihre Mutter nur wahrzunehmen, wenn ihr Teller leer war oder ein Stück Fleisch noch einmal durchgeschnitten werden wollte. Ansonsten lauschte sie gespannt den Abenteuern ihres Vaters, den Riesengleitbeutler aus Plüsch, den sie sich aus lauter von Leopold geschickten Plüschtieren ausgesucht hatte, fest an sich gedrückt. Auf Maries Kopf saß ein Kiwi, Al hatte sich seinen Koala an die Brust gehängt und Ray bot seinem Alligator jeden Bissen an, bevor er ihn selbst verputzte.

Das wie in jedem Jahr köstliche Essen genießen und auf Fragen antworten, mehr hatte er nicht zu tun. Im Grunde hätte er sich den ganzen Abend bloß Megan widmen können, die in ihrem hochgeschlossenen silberschwarzen Kleid ganz umwerfend aussah. Doch er sah, dass es nicht verkehrt war, Richard hin und wieder in ein Gespräch zu verwickeln. So böse es auch war, doch er war froh, dass Richard heute, an einem der wenigen Tage des Jahres, an denen er im Haus gesehen wurde, da war und ihm den untersten Platz der Hackordnung abgenommen hatte.

Mit deutlich erkennbarer Mühe versuchte er, die Aufmerksamkeit nicht weiter wandern zu lassen als bis zu seinem kleinen Sohn, der neben ihm saß. Allerdings war es nicht leicht, Sara und Lindsay zu ignorieren, die unablässig kichernd und flüsternd keine zwei Minuten voneinander lassen konnten. Die Blicke der beiden zu lösen, vermochten nur die Kinder hin und wieder. Selbst dann, das hatte William bemerkt, als ihm ein Stück Fleisch von der Gabel gerutscht war, berührten sich ihre Knie. Es war, als wären zwischen ihnen unsichtbare Fäden gespannt, die sie stets zusammenhielten, wohin sie auch trieben.

Für das Stück Fleisch war jede Hilfe zu spät gekommen. Hunter, der stundenlang reglos zu den Füßen seiner Herrin unter dem Tisch liegen konnte, bewies für seine Größe beachtliche Wendigkeit und Schnelligkeit, wenn etwas Essbares seinen Weg zum Boden fand. Wenn sie Pech hatte, kam ihm dabei auch Stacy nicht zuvor, die aufgeweckt wie immer um alle Anwesenden herum sprang und um Häppchen und Streicheleinheiten bettelte. Ersteres blieb ihr auf Katherines strengen Blick hin verwehrt, wenn Marie nicht gerade einen unbeobachteten Moment nutzte.

Im Unterschied zu William war Richard nicht daran gelegen, gut mit der Familie auszukommen, und das war das Problem. Seine ständige Suche nach Streit, ausgerechnet mit Lindsay, hatte schließlich zur Trennung von Sara geführt. Zwar arbeitete er noch für Ingrid, doch setzte sie ihn höchstens für Aufgaben der lapidaren Sorte ein, meist in einiger Entfernung zu London. Nach Hollowood House kam er nur noch wegen Ray. Wenigstens den ließ er nichts von alledem spüren, zumindest nicht absichtlich.

 

Jemand vom anderen Ende des Tischs verlangte die Kartoffeln, die bei William standen, und er gab sie an Megan, die im Gegenzug fürs Weiterreichen einen Brief von ihrem Vater erhielt, der zusammen mit den Geschenken eingetroffen war. Essend beobachtete er sie beim Lesen und sah, wie ihr Kinn sich verkrampfte, als sie aufkommende Tränen niederrang. William bekam ihn nicht zu lesen. Entweder stand kein Wort an ihn darin oder kein gutes. Stattdessen schob sie ihn zusammengefaltet unter ihr Platzdeckchen.

„Da bin ich ja gespannt, was er jetzt wieder auf der Spur ist“, seufzte sie. „In Geheimniskrämerei ist er ja immer ganz groß, auch wenn ich lieber wüsste, was ihn auf der anderen Seite der Erde hält, wo er lieber hier sein sollte.“

„Der australische Sommer“, vermutete Katherine trocken und nahm einen Schluck Wein.

„Am Ende ist es wahrscheinlich der Geist eines Schafs, das kurz vor der Schur von einem Dingo gefressen wurde und nun die Ställe heimsucht“, warf Charles ein.

Allgemeines Schmunzeln ging um den Tisch.

Nur Selen zupfte mit fragendem Ausdruck im Gesicht am Ärmel ihrer Mutter. „Mum, was ist ein Dingo? Ist das ein Monster?“

„Kommt drauf an, wen du fragst“, antwortete Lindsay grinsend.

„Das ist ein Hund“, erklärte Sara und begann einen – immerhin kurzen und sprachlich einfachen – Vortrag über das Einschleppen fremder Tierarten in Ökosysteme.

„Ist Stacy ein Dingo?“, fragte Selen weiter und streichelte den Kopf des Spitzes, der seinen Namen gehört hatte und mit den Vorderpfoten auf den Sitz stieg. Bei der Kombination von Hund und roter Fellfarbe war das natürlich ihre erste Assoziation.

Lachend schüttelte Lindsay den Kopf. „Nein, Stacy ist ein Spitz. Die sind verwandt, aber nur ganz weitläufig.“

„Also ist Stacys Großcousin ein Dingo?“

Seufzend stützte Sara das Kinn auf die Hände. „Weißt du, Selen, im Sommer gehen wir alle zusammen in den Zoo. Dann zeig ich dir Dingos. Wenn wir Glück haben, sind dann sogar ein paar Welpen dabei.“

Bei der Erwähnung von Welpen wurden Selens Augen groß. „Dürfen wir dann einen Welpen haben?“ Diese Frage richtete sie an ihre Großmutter.

Alle Blicke folgten ihr und ruhten nun auf Ingrid. Während die Kinder sich Selens Wunsch angeschlossen zu haben schienen, waren die Erwachsenen schlicht an der Antwort interessiert.

„Ich denke nicht, dass das unseren Nachbarn und gerade deren Schafen gefallen würde, mein Liebes“, antwortete Ingrid milde lächelnd.

„Dem Dingo würde das wohl auch nicht gefallen“, ergänzte Sara. „Auch wenn sie mal Haustiere waren, sind sie jetzt Wildtiere.“

„Aber im Zoo leben sie ja auch nicht in der Wildnis“, erwiderte Selen.

Der väterliche Stolz, mit dem Gabriel Selen immer betrachtete, erreichte gerade ein ganz neues Level.

Lindsay hingegen rollte die Augen darüber. William sah ihr an, dass sie ihre Tochter gerade am Beginn einer langen Diskussion wähnte, die zu führen wichtig war, an der sie jedoch offenbar selbst nicht teilhaben wollte. Darum nahm sie die Kleine kurzerhand auf den Schoß (William war sich sicher, dass es nur um des Weihnachtsfriedens Willen nicht Sara gewesen wäre, da Richard in diesem Fall explodiert wäre), damit die sich direkt mit Sara unterhalten konnte. Der Gleitbeutler blieb liegen, wohl um den Stuhl warmzuhalten.

 

„Und, ihr zwei, wie läuft es mit dem selbst gewählten Exil?“, fragte Lindsay, obwohl die Anrede es anders vermuten ließ, direkt an Megan gewandt.

Damit meinte sie das Häuschen in Downing, das sie beide sich gerade herrichteten und im Frühjahr zu beziehen planten. Das war weit genug, um dem Stress zu entgehen, der hier unweigerlich immer wieder aufkam, und nah genug, um schnell zur Stelle zu sein, falls Megans Zustand sich stark verschlechterte. Hier seien immer Zimmer frei, hatte man ihnen mehrfach versichert.

„Alles nach Plan.“ Lächelnd nahm Megan Williams Hand und streichelte mit ihrem Daumen über seine Fingerknöchel. „Im neuen Jahr wollen wir die Räume malern. Die meiste Einrichtung haben wir zusammen, zumindest in der Theorie.“

„Prächtig, dann gebt nur Bescheid, wenn wir anpacken sollen.“ Wie beiläufig deutete sie mit dem Daumen auf Gabriel, der ebenso beiläufig abwinkte.

„Das erste und letzte Mal, dass er das Haus betritt, meinst du?“ Megan lächelte frech.

„Sagen wir …“, begann Gabriel und forderte mit einer Handbewegung Geduld von den Kindern, „Dieses Mal werde ich es aufgeräumt hinterlassen.“ Und das war alles, was er zum Thema zu sagen hatte, denn schon war er wieder mitten in einer Erklärung, wie man bei Sturm eine Takelage hochkletterte.

Wegen Weihnachten oder der zwei Gläser Wein, die sie getrunken hatte, so leicht konnte William das nicht zuordnen, lächelte Megan auch darüber und lehnte sich an ihn. „Ach, wie werd ich das vermissen“, flüsterte sie.

Ziemlich genau konnte William sagen, was er gewiss nicht vermissen würde.

 

„Und wie läuft es mit den Aufständlern?“, wagte er zu fragen, als die Stunde fortgeschritten, das Essen gegen Knabberzeug ausgetauscht und die Kinder im Bett waren. Der Wein war härteren Sachen gewichen, die Krönchen aus den Crackern saßen schief auf den Köpfen.

Um gewisser Kreise der Gesellschaft Herr zu werden, hatte man die Zusammenarbeit der Familie Harrington mit einflussreichen Vertretern des britischen Bandenwesens beschlossen. Im Gegenzug für den Verzicht auf illegale Geschäfte mit Drogen, Waffen und Menschen wollte man in kleineren Angelegenheiten ein Auge zudrücken. Nach dem Motto, dass die Kooperativen sich schon um den Rest kümmerten, war Lindsay damit betraut worden, versuchsweise an bestimmte Gruppen heranzutreten. Die Brotherhood of Riot war ein Motorradclub, in dessen Stammkneipe sich auch die jungen Leute aus Hollowood House öfter aufhielten. Früher war auch William dabei gewesen.

Grinsend lehnte Lindsay sich zurück. „Handzahm, sag ich dir. Fast ein bisschen schade, hatte mich auf Action gefreut.“

William schnalzte mit der Zunge. Nur Lindsay konnte es bedauern, wenn einer Verhandlung keine Auseinandersetzung vorausgegangen war. „Immerhin intelligent genug zu wissen, wann sie keine Chance haben.“

„Anders als du“, erwiderte sie breit grinsend und da das für William nichts weiter als ein harmloser Spruch war, vermutete er, dass er genauso an Richard gerichtet war. Dessen Fingerknöchel wurden weiß, so fest hielt er sein Messer, mit dem er gerade eine Walnuss zu knacken ansetzte.

„Immerhin habe ich daraus gelernt“, gestand William.

„Zu spät.“ Lindsay leerte ihr halbvolles Whiskyglas in einem Zug. Er wusste, wie hässlich es auch für sie war, dass er ihre Freundschaft mit dem Lungendurchschuss zertreten, die Scherben aufgehoben und mit seinem Scheitern bei dem Auftrag, der Sara beinahe das Leben gekostet hätte, pulverisiert hatte. Vorwurfsvoll prangte die Narbe im Ausschnitt ihres Tops, seit sie das Hemd gegen die Wärme geöffnet hatte.

„Jedenfalls!“ Lindsay knallte das Glas zurück auf den Tisch und schob es von der Kante weg. „Ich hab jetzt eine Weste der Jungs im Schrank und muss mir jetzt nicht mehr für mich allein cool vorkommen, wenn ich Jays Harley entführe und durch die Gegend toure. Bikermieze hab ich auch am Start, bin bestens gerüstet.“ Sie zwinkerte Sara zu, die seufzend die Augen verdrehte, wenn auch mehr liebevoll als tadelnd.

Richards Messer fiel ihm aus der Hand und knallte auf den Boden.

Stille senkte sich über den Raum.

„Ich fürchte, du musst es selbst aufheben“, hörte William sich sagen. Der Alkohol übernahm zusehends die Kontrolle über seine Zunge. „Kennst mich ja. Es kann sein, dass ich es dir zwischen die Rippen ramme. Meinst du, jemand würde mich aufhalten?“

Megan neben ihm versteifte sich, zog William zu sich und nahm sein Kinn in die Hand. „William, bitte.“

„Also, ich nicht“, stellte Sara fest, als William gerade drauf und dran gewesen war, sich zu entschuldigen.

Knurrend riss Richard sich die Papierkrone vom Kopf und tauchte unter die Tischplatte, um sein Messer aufzuheben. Diese Zeit nutzte Lindsay, um sich die Nuss zu schnappen, die Schale mit der Hand zu öffnen und eine Hälfte Sara zu geben, während sie die andere genüsslich kaute, als Richard sich wieder aufrichtete.

Alkohol machte sie albern.

In jedem Nüchternheitsgrad konnte sie kindisch werden, wenn es um Richard ging.

Die Kombination aus beidem und Richards Blick bar jeder Vernunft machten, dass William lieber am anderen Tischende sein wollte, auch wenn dort Ingrid und Katherine waren.

„Genug!“, bellte Ingrid und übertönte damit selbst für William das, was Richard gerade gesagt hatte. Hunter, durch den strengen Ton seiner Herrin alarmiert, rappelte sich mit übers Parkett kratzenden Krallen auf und betrachtete das Geschehen im Raum wachsam. Er war ein gemütlicher und ruhiger Kerl, doch es bedurfte nur eines direkten Befehls seitens Ingrid, um ihn zu dem Biest zu machen, das die meisten Besucher bei ihrem ersten Aufenthalt im Haus in ihm sahen.

Heute würde das allerdings nicht nötig sein. Bevor Hunter die drei nötigen Schritte gemacht hätte, wäre Lindsay Richard, zumindest Williams Einschätzung nach, schon dreimal an den Hals gegangen.

Oder Sara an Lindsays Stelle, denn wie es aussah, hatte sie ihn durchaus gehört und war mit Schwung aufgestanden. „Richard, du gehst. Wenn du nicht einmal in der Lage bist, dich einen einzigen Abend lang zu benehmen, streichen wir die nächsten acht Tage einfach.“ Sie wandte sich ihm zu und versperrte damit seine Sicht auf Lindsay. „Ob du willst, dass Ray dich daheim oder im Krankenhaus besucht, musst du selbst wissen.“

Gerade war die Situation noch gefährlicher geworden. Mit einem Eimer Popcorn hinter einer dicken Scheibe hätte William das spannend gefunden. Doch er saß hier und hatte sogar einen gewissen Anteil daran. Wenn Richard nicht einen Funken Verstand besaß, seinen Stolz zu überwinden …

 

Ihrer aller Rettung war die Türklingel. Wenn man eine Sache in diesem uralten Haus in einer halben Autostunde Entfernung von London nachts halb eins nicht vermutete, dann dass es an der Tür klingelte.

Megan ergriff die Gelegenheit sofort, sprang auf und zog William mit sich auf die Beine. „Wir gehen schon!“, rief sie und verließ fluchtartig den Raum. Durch das Buntglasfenster in der Haustür drangen Licht und tanzende Schatten herein. Tatsächlich stand dort draußen jemand.

William stellte sich an die Tür, wie er es unzählige Male vom Butler beobachtet hatte, und öffnete sie langsam.

Die eisige Nachtluft wehte herein und brannte nach der Wärme im Haus in Williams Nase. Für eine Geistererscheinung hätte man sie halten können, die beiden, die auf der Schwelle standen.

Vollkommen eingeschneit aber grinsend hüpfte Rachel ins Haus. Nicht einmal einen Mantel trug sie, nur einen grünen Wollpullover mit Rentiermotiv. „Hast die Vertretung für Walther übernommen, Will?“, fragte sie mit einem Augenzwinkern.

Zum Antworten kam er gar nicht, denn im nächsten Moment war sie völlig von Megan in Beschlag genommen, die sie fest in die Arme schloss und dabei kein vollständiges Wort herausbrachte. Was er hätte sagen sollen, wusste er ohnehin nicht. Das nannte man eine echte Weihnachtsüberraschung. Das Timing, mit dem sie die Situation unabsichtlich entschärft hatte, grenzte an ein Wunder.

„Rachel?“ Lindsay stand in der Tür zum Esszimmer. Neben und hinter ihr tauchten die anderen auf, die den Besuch ebenfalls an der Stimme erkannt hatten. Zuerst kamen die Hunde durch den Flur gerannt und sprangen an Rachel hoch, wobei Hunter sie beinahe umwarf.

Als sich schließlich eine kleine Traube um den unerwarteten Gast gebildet hatte, waren nur Ingrid und Katherine zurückgeblieben, die den zweiten Besucher eingehend musterten. Erst jetzt kam William auf die Idee, das ebenfalls zu tun. Der junge Mann hatte sich noch nicht ins Haus gewagt. Er war ebenfalls voller Schnee und trug einen erdnussbraunen Pullunder über einem weißen Hemd und grauen Hosen. Zwar passte es ihm, doch nicht zu ihm und seiner sandfarbenen Wuschelfrisur. Lächelnd betrachtete er den Andrang im Flur.

Lindsay war die Erste, die sich löste. „Mutter, jetzt lass ihn doch nicht da draußen im Schnee stehen!“

„Ach, ich hab das diese Nacht schon mal gemacht, bin das quasi gewohnt“, erwiderte er und konnte doch nicht verhindern, dass man ihn bibbern sah.

„Ah, hab ich’s doch gewusst!“ Am Arm zog Lindsay ihn herein und klopfte ihm so hart auf die Schulter, dass eine Menge Schnee aus seiner Kleidung geschüttelt wurde.

„Das ist Mike“, erklärte Rachel, nachdem sie sich von allen befreit und ihre Mutter in den Arm genommen hatte. „Er hat mich hergebracht, aber das erzählen wir euch vielleicht lieber bei einem Kakao, wenn wir dürfen.“

Die Entscheidung lag ganz bei Ingrid. Alle Augen waren auf sie gerichtet. Mike hielt ihrem Blick stand, schaffte es dabei sogar, sein Lächeln zu behalten. Nach der Fahrt, die er hinter sich haben musste, war er wahrscheinlich zu erschöpft oder erleichtert, um sich etwas daraus zu machen.

„Kein Einwand bedeutet Ja“, beschloss Lindsay und schob Mike vorwärts. „Und wir trinken erstmal was Hartes, der Kakao kann warten.“

William gefiel sich so sehr in seiner Position an der Tür, dass er zurückblieb, als sie zurück ins Esszimmer strömten. Megan küsste ihn auf die Wange und folgte ihnen, sodass nur Rachel und er im Flur blieben. Ihre Wangen waren rot und sie sah müde, aber überglücklich aus.

„Ach, Will.“ Mit ausgebreiteten Armen und frechem Grinsen kam sie auf ihn zu und nahm ihn in den Arm. „Ich freu mich sogar, dich zu sehen.“

Ihre feuchten Locken kitzelten ihn in der Nase, als er in ihre Haare hineinkicherte. Immer schon war sie die einzige Person von friedlicher Natur im Haus gewesen, die sich manchmal sogar auf die anderen hatte übertragen lassen. „Ich freu mich auch sehr, dich zu sehen“, erwiderte er. „Du hast Weihnachten gerettet.“

Rachel lachte und der dunkle Flur wurde etwas heller. Seit dem Sommer hatte dieses Geräusch im Haus gefehlt. Als sie zu ihm hoch schaute, hatte sie Tränen in den Augen. „Bei mir musst du dich doch nicht einschleimen.“

„Richard ist da“, war alles was, er sagte. Die Details waren nichts, was in dieser Nacht noch weiter ausgebreitet werden musste.

Offensichtlich reichte ihr das, um sich ausmalen zu können, in welche Situation sie geplatzt waren, doch sie behielt ihr Lächeln. „In dem Fall hab ich das natürlich gern gemacht.“

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